In der Wildnis Neuseelands

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Der höchste Gipfel Isengarts

In den Alpen der Südinsel Neuseelands, da wo die Hobbits herumspringen und der böse Zauberer Saruman seinen schwarzen Turm errichtet hat, gibt es einen großen, tiefen, 80km langen Gebirgssee: Lake Wakatipu.

Einer Maori-Legende nach ist der See entstanden, indem der Riese Matau im Schlaf verbrannt wurde, nachdem er die Tochter eines Stammesoberhauptes entführt hatte. Dabei brannte sich ein riesiges Loch in die Erde und schmolz das Eis und den Schnee der umliegenden Berge. Das Schmelzwasser bildete den Lake Wakatipu. Der See ist wie ein riesiges „S“ geformt, hat also die Form eines Riesen, der mit angezogenen Knien auf der Seite liegt und schläft – Antje liebt solche Geschichten!

Ganz hinten im Tal bei Queenstown, am oberen Ende des Lake Wakatipu steht ein Klotz von einem Berg. Die Südseite stark vergletschert und abweisend. Imposante Vorlage für Peter Jacksons Verfilmungen: Der Mount Earnslaw (maori: Pikirakatahi) – zu sehen in „Herr der Ringe“ und „Hobbit“.

Der Berg ist nach europäischen Maßstäben nicht einmal besonders hoch mit seinen 2819m, aber in Neuseeland ticken Gebirge und Wetter anders. Auf den ersten Blick sehen die Alpen Neuseelands aus wie das, was man z.B. auch aus den österreichischen Alpen kennt. Grünes Tal, Baumgrenze und irgendwann oberhalb von Geröll und Fels liegen Schnee und Eis. Steigt man aber erst einmal tiefer ein, stellt man schnell fest, dass doch alles ganz anders ist.

Bei unserer viertägigen Wandertour quer durch’s Gebirge zwischen Wanaka und Queenstown, durch das Matukituki-Valley über den Cascade Saddle und durch’s Dart-Valley wieder runter, wurde uns dies schnell bewusst.

Die Täler liegen auf gerade einmal 400m, was den Höhenunterschied zu den hohen Gipfeln ringsum automatisch anspruchsvoll werden lässt. Steigt man durch den dichten, dschungelartigen Bergurwald, der mit seinem Krummholz, seinen Flechten, Moosen und Farnen wirkt wie ein Märchenwald, erreicht man bereits auf ca. 1200m die Baumgrenze (Vergleich europäische Alpen: 1800m).

Info am Rande: Ab dieser Höhe ist man dann auch endlich vor den größten Plagegeistern Neuseelands, den Sandflys sicher. Das „ewige“ Eis betritt man hier unten auch deutlich früher als in unseren heimatlichen Gefilden – ab einer Höhe von ca. 2000m (Alpen: ca. 3000m). Spätestens wenn man dann in diesen frostigen Hochgebirgsregionen einem grün-roten Papagei (Kea) begegnet, stellt man fest: Ich bin definitiv nicht in Österreich!

Ein Kiwi (so nennen sich die Einwohner Neuseelands) hat uns mal gesagt: „Wenn ihr die Bedingungen und das Wetter von euren Alpengipfeln mit unseren vergleichen wolltet, müsstet ihr auf unsere Gipfel ca. 1000m draufrechnen“. Heißt für den Mount Earnslaw, dass man gefühlt auf einem hohen 3000er unterwegs ist. Unsere letzte richtige Hochgebirgstour mit Steigeisen und Eispickel lag ja nun bereits eine Weile zurück (Nevado Pisco, Peru) und wenn man mal in Neuseeland ist und Zeit hat, dann jucken einen schon die Finger beim Blick nach oben! 😉

Neuseeland hat ja bekanntlich hervorragende Alpinisten hervorgebracht. Allen voran Sir Edmund Hillary, Erstbesteiger des höchsten Berges der Welt. Ein Grund dafür ist sicher die Topografie der Südinsel. Wer einmal am Fuße des höchsten Berges des Landes, dem 3724m hohen Mount Cook (maori: Aoraki – „der Wolkendurchbohrer“, siehe Bild oben) steht, wird sich vorkommen wie in Chamonix oder in Zermatt. Und wer zumindest einmal eine Postkarte des weit abgelegenen Mount Aspiring zu Gesicht bekommen hat – man nennt ihn auch das Matterhorn Neuseelands – der will da rauf!

Es gab dabei nur leider zwei große Probleme:

  1. Das Wetter spielte völlig verrückt seit unserer Ankunft.
  2. Es ist de facto unmöglich, sich die erforderliche Bergsteigerausrüstung (insbesondere Seil, Steigeisen, Gurt und Eispickel) auszuleihen, OHNE gleich die gesamte Tour inkl. Bergführer (den wir ja bekanntlich nicht brauchen) mit dazubestellen zu müssen. Zu exorbitanten Preisen versteht sich – 2000 NZ$ pro Person!!

Unser Ziel, den Mt. Aspiring in einem 5- bis 6-tägigen Trip anzugehen ab Wanaka, scheiterte an beiden o.g. Problemen. Der Berg ist so abgelegen, dass wir uns bei der Wetterlage gar nicht erst auf den Weg machen wollten. Ohne Ausrüstung erst recht nicht! Zwei Wochen später, nach einem viertägigen Hike bei herbem Wetter, vorbei am wolkenverhüllten Mount Aspiring und Mount Earnslaw (Bilderlink), schlenderten wir in Queenstown eher zufällig mal wieder in einen Bergsportladen.

Die Überraschung: Zumindest Steigeisen und Pickel konnten dort doch ausgeliehen werden!

Der nette Verkäufer, selbst auch Bergsteiger, konnte uns sogar Infos zu den aktuellen Verhältnissen am Mt. Earnslaw bzgl. Gletscher und Felsteil geben. Wir beratschlagten uns kurz, checkten den Wetterbericht, versicherten dem etwas besorgten Mann, dass wir unser Handwerk verstehen, sammelten Steigeisen und Eispickel ein und rannten zu unserem Camperbus.

Das Abenteuer Mount Earnslaw konnte wider Erwarten beginnen!!!

Wir schmissen Proviant für drei Tage in die Rucksäcke. Außerdem unsere Campingausrüstung inkl. Gaskocher, die etwas abgespeckte Gletscherausrüstung und wetterfeste Kleidung.

Fans von Bear Grylls „Face the Wild“ kämen bei dieser Tour voll auf ihre Kosten. Nur ist hier alles echt. Ohne Kamerateam und Helfer. Ohne doppelten Boden.

Nachdem wir mit unserem Toyota Hyace (Tachostand: 500.000 km !) unerlaubter- und glücklicherweise ohne Zwischenfall die Allrad-Buckelpiste inklusive Bachquerungen zu dem Startpunkt der Tour gemeistert hatten, schnallten wir unsere schweren Rucksäcke an.

Zunächst läuft man 8km das Rees Valley aufwärts und muss an geeigneter Stelle den großen Rees River durchqueren.

Eine heikle Angelegenheit bei höherem Wasserstand. Gleich zu Beginn entschieden wir uns, den Fluss an einer eher breiteren, dafür aber seichteren Stelle zu überqueren. Das Wasser war natürlich eisig. Sogar so eisig, dass man am gegenüber liegenden Ufer am liebsten seine wie von Nadeln durchlöcherten Unterschenkel amputieren möchte. Jetzt waren wir also immerhin schon mal auf der anderen, der richtigen Talseite. Nachteil: Hier gab es keinen Wanderweg. Querfeldein, teilweise durch sumpfige, zugewucherte und von den Kuhherden zugeschissene Wiesen und Weiden ging es weiter.

Bild oben: Selbst durch Stacheldraht nicht aufzuhalten 😉

Nach ca. vier Stunden des mühsamen Durchkämpfens landete Antje in dem wahrscheinlich größten Kuhfladen der Südhalbkugel!

FLATSCH! Bis fast zu den Knien in der Scheiße – zumindest ihrem Geschrei nach zu urteilen. Wär’s nicht so anstrengend und ekelhaft, wär’s eigentlich ganz witzig gewesen, aber der lange Zustieg und das Wissen, erst die Hälfte geschafft zu haben bis zum Biwak, forderten ihren Tribut. Erstmal kurze Pause und aus dem Scheißhaufen rauswuchten. Wenn bloß der Rucksack nicht so elendsschwer wäre! Es wurde zum Wettlauf gegen die herannahende Dunkelheit. Nachdem wir nach den 8km den versteckten Pfad hoch zum Biwak im Kea Basin gefunden hatten, lief es dann bergauf besser. Da oben, direkt über der Baumgrenze, sollte es laut Karte zwei „Rock-bivouacs“ geben. Wir waren am ersten, einer großen Felsnische, bereits längst vorbeigerannt in Richtung des höher gelegenen, welches aber nicht aufzufinden war.

Keiner Menschenseele sind wir bis hierhin begegnet. Die Zivilisation ist in den Alpen Neuseelands ganz weit weg. An der einzigen halbwegs ebenen Stelle am Hang bauten wir unser kleines Zelt auf und köchelten uns die wohlverdiente Pasta im letzten Tageslicht, bei phantastischer Aussicht.

 

Wir mussten uns eingestehen, dass der spontane, überhastete Aufbruch und der lange Zustieg uns ziemlich geschlaucht hatten. Es waren von unserem Biwak aus immer noch 1500 Höhenmeter bis zum Gipfel, der allerdings nicht unser Hauptziel war. Der Grund dafür lag in den ganzen Ungewissheiten auf dem Weg dorthin:

  • Wird der Gletscher seilfrei (wir hatten ja keins) machbar sein?
  • Wird das Wetter halten?
  • Ist der Felsteil, vor allem die Schlüsselstelle, seilfrei gut begehbar?
  • Wird’s mit der Wegfindung funktionieren?
  • Gibt’s in der Mini-Biwakschachtel Platz für uns?

All diese Fragen beschäftigten uns, als wir beim Blick runter ins Tal, dahin wo wir herkamen, plötzlich in der Dunkelheit mehrere Lichter am Rees River ausmachten. „Wer geht denn bitte um die Uhrzeit noch wandern?“, fragten wir uns. Die Lichter änderten die Richtung, schienen auf einmal den Fluss zu durchqueren. „Kommen die jetzt etwa hier hoch zu uns?“.

Es wurde langsam kühl und wir verkrochen uns in unsere Daunenschlafsäcke.

 

Bild oben: Unser Zeltplatz am nächsten Morgen

Zumindest bis zur urigen Mini-Biwakschachtel für max. 6 Personen, dem Esquilant-Bivvy, wollen wir am nächsten Tag kommen. Die Schachtel thront direkt hinter dem Birley Gletscher auf dem Earnslaw-Sattel (Wright Col, ca. 2300m) in einer Wahnsinnslage direkt am Abgrund. Das verspricht geniale Ausblicke über die Berge und einen ersten Blick auf die 500m hohe Fels- und Schuttwand der Gipfelpyramide.

Bild oben: Unsere In-Etwa-Route

Wir haben es morgens nicht eilig. Nach einer Nacht auf schiefem Untergrund und Grasbüscheln im Kreuz kommt man so schnell nicht in die Gänge. Erstmal Kaffee und Tee köcheln und wach werden.

Bei einer kurzen Erkundung der Umgebung sah ich unter uns drei Bergsteiger im Aufstieg und über uns zwei im Abstieg. Ganz schön was los auf einmal. Die Lichter am Fluss aus letzter Nacht… sie heißen Alex (aus Deutschland, in Neuseeland lebend), Brad aus Dunedin (NZ) und Chris aus Auckland (NZ). Alle drei waren sogar noch schwerer bepackt als wir und sie wollten mit reichlich Proviant und Ausrüstung ausgestattet auf den Gipfel des Mount Earnslaw!

Die zwei Absteigenden wiederum erzählten uns im Vorbeigehen, dass sie nicht auf dem Gipfel waren, sondern nur im kuschligen Esquilant-Bivvy übernachtet hatten und die einzigen am Berg waren. Nachdem unser Lager schnell abgebaut war, schlossen wir uns kurzerhand den drei sympathischen Kiwis an und marschierten zusammen weiter. Alex erzählte uns von ihrer heiklen Flussquerung und der Nacht, die sie unten im Tal verbracht hatten. Wir mussten lachen, weil auch sie unsere Lichter hoch oben im Kea Basin gesichtet hatten. Weshalb sie gestern bei Nacht noch unterwegs waren lag ganz einfach daran, dass Chris von Auckland herfliegen musste und Brad und Alex eine längere Anfahrt aus Dunedin hinter sich hatten.

Die Landschaft veränderte sich schnell. Bald waren wir im anspruchsvolleren Gelände. Ab und zu fand man Steinmännchen, die den nicht vorhandenen Weg durch den stellenweise steilen Gletscherschliff markierten.

Nach einer Weile gelangten wir an den Rand des mittlerweile bereits arg zurückgegangenen Birley Gletschers. Den hatte Alex noch größer in Erinnerung. Seit insgesamt zehn Jahren versucht er bereits, auf diesen Gipfel zu steigen. Der erste Versuch wäre beinahe in einer Katastrophe geendet, erzählt er. Damals war er mit zwei Freunden unterwegs, als hier oben auf dem Gletscher das ohnehin schon schlechte Wetter dramatisch umschlug. Schneesturm und Orkanböen! Das Wetter wird in diesen Breiten oft von der Antarktis beeinflusst. Rasante Wetterstürze gehören in den Bergen Neuseelands dazu. Auf dem Mt. Earnslaw, weit und breit der höchste Gipfel der Region, verschärft sich die Situation dann noch zusätzlich, wegen der Topografie. Der Wind muss sich durch zwei nahe beieinanderliegende Gipfel pressen, was den Effekt einer Düse hat und für stürmisches Mikroklima sorgt. Alex und Co. kämpften damals gegen den Whiteout (Orientierungslosigkeit) und die eisige Kälte. Mit wirklich allerletzter Kraft schafften sie es gerade noch so in die rettende Biwakschachtel. Am Folgetag hatte sich das Wetter wieder beruhigt und Alex, passionierter Paraglider, konnte sogar bei bester Thermik Rundflüge um und über den Gipfel starten. Muss ein phantastisches Erlebnis sein! Der Gipfel blieb ihm allerdings bisher verwehrt.

Zurück zum Gletscher. Wir wussten bereits vom Verkäufer im Bergsportladen, dass die Überschreitung uns keine Probleme bereiten würde. Überschaubar in seinen Ausmaßen, größtenteils blank und mit nur ganz vereinzelten, kleinen Spalten war er auch ohne Seil, nur mit Steigeisen bewaffnet keine Hürde.

Bereits von hier aus hatte man eine phantastische Aussicht auf die Hängegletscher des Mt. Earnslaw und die umliegenden Täler und Gipfel.

Trotz dieser vermeintlichen Idylle sollte man diesen Berg allerdings nicht unterschätzen. Viele Unfälle sind hier schon passiert. Ein besonders dramatisches Beispiel betrifft einen jungen neuseeländischen Alpinisten. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, die 100 prominentesten Landesgipfel zu erklimmen. Er war diesem Ziel bereits ziemlich nahe, hatte schon deutlich anspruchsvollere Bergtouren als den Earnslaw hinter sich, als er von seinem Alleingang, vermutlich der Traverse vom Ost- zum Westgipfel, nicht wieder zurückkam. Man versuchte zu rekonstruieren, wo er sich aufgehalten haben musste, als das Unglück geschah, aber alle Suchaktionen verliefen erfolglos. Und dann, Brad war gerade fertig mit der Erzählung dieser Horrorstory, lagen da auf dem Gletschereis vor uns plötzlich Knochen! Eiskalt läuft’s einem da den Rücken runter. Kann es wirklich sein, dass … aber, nein … der Kieferknochen war definitiv nicht menschlichen Ursprungs – also vermutlich bloß eine abgestürzte Gams oder ähnliches. Aufatmen.

Ohne Zwischenfälle erreichten wir das Esquilant-Bivvy:

Antje und ich hatten nach der Info der Absteiger, dass keine weiteren Bergsteiger am Berg unterwegs waren, spekuliert und das Zelt gar nicht erst hoch geschleppt, sondern in einem Busch neben unserem Platz von letzter Nacht versteckt. Ganz zu unserer Freude fanden wir das Bivvy leer und tiptop aufgeräumt vor.

Eine winzige 6-Personen-Pension inmitten der rauen Wildnis. „Kann auch schnell mal ganz anders laufen“, sagt Alex, während wir uns alle in der Schachtel am Einrichten waren. „Ich kenne Fälle, da haben sich bei richtig miesem Wetter 10 Personen hier reingequetscht“.

Ein kleines Rinnsal an der nahegelegenen Westflanke spendete Frischwasser. Die Gaskocher liefen im Dauerbetrieb. Wir schmiedeten den Plan für den morgendlichen Aufstieg.

Von hier öffnet sich das Panorama auf atemberaubende Weise in Richtung Westen, bis hin zu den imposanten Bergen der Fjordlands (Milford Sound).

Das Dart-Valley, durch das wir eine Woche vorher noch durchgewandert sind, liegt knapp 2000m unter unseren Füßen. Interessant für den morgigen Tag war allerdings der Blick auf die Nordwand der Earnslaw-Gipfelpyramide. Durch dieses Labyrinth aus Felsriegeln und Schuttbändern galt es, den leichtesten Aufstiegsweg zu finden.

Uns fiel auf, dass nach dem extremen Sommer der Schnee aus der Wand fast gänzlich verschwunden war. Eine 500m hohe Wand – grau in grau, ohne Kontraste. Selbst die Routenbeschreibung mit Bild aus dem Bivvy half da nicht wirklich weiter. Immerhin erkannten wir den Einstieg und den Weiterweg zum unübersichtlichen, steilen Schlüsselteil im oberen Wandabschnitt. „Wird sich sicher – wie so oft – auflösen, wenn man mal drin steckt“, lautete die Devise. „Und umkehren kann man ja auch. Zehn Augen sehen jedenfalls mehr als vier bzw. sechs“. Es war schön, in Gesellschaft zu sein.

Der nächste Morgen dämmerte. Der nachts noch frische Wind hatte sich gelegt. Der Himmel war wolkenfrei. Perfektes Bergwetter. Wir ließen alles, was wir nicht für den Aufstieg brauchten, zurück und  marschierten los. Das Schottergestotter begann bereits am ersten Schuttkegel hoch zum Einstiegsfelsriegel.

Ein Schritt hoch und zusammen mit ner Schubkarrenladung Steinen wieder zwei schrittweit runter. Kein Wunder, dass dieses Gebirge erdgeschichtlich gesehen noch sehr jung ist – bei uns in den Alpen würde der halbe Berg schon längstens zermahlen im Tal liegen. Weiter oben wurde die „Earnslaus“, wie wir den Berg liebevoll nannten, allerdings immer kompakter. Muss ja auch einen Grund haben, weshalb der so markant in der Landschaft herumsteht.

Der Einstiegsfelsriegel war jedenfalls mit ein paar Handgriffen erledigt und so wurschtelten wir uns, immer auf der Suche nach irgendwelchen Markierungen, in Form von Steinmännchen, weiter in Richtung oberer Bastion aus Stein.

Die Herausforderung beim Klettern bestand nicht im Klettern selbst, sondern eher darin, die Bergsteigerkameraden unter sich nicht mit Steinen zu bombardieren.

Die Bilder oben zeugen von unserer Ausbildung zu Schotter-Vollprofis.

Bild oben: Antje hat ein Steinmännchen entdeckt- Im Hintergrund – der Birley-Gletscher, den wir gestern noch überquert hatten.

 

Wir hatten uns im Zickzack-Kurs bereits recht weit nach oben gearbeitet, als wir vor einer senkrechten Wand standen. Rechts davon, in einer steilen Rampe, hing eine Schlinge. Gehörte wohl zu irgendeiner härteren Tour für den Winter, wenn das ganze lose Material zusammengeeist ist. Die linke Rampe sah da deutlich freundlicher aus und nach ein paar Metern entlang eines Bandes erkannten wir die Schlüsselstelle der Tour. Schaut auf den ersten Blick schon etwas grimmig aus diese Passage. Die einfache Rampe wird da von einer Verblockung senkrecht unterbrochen. Klettertechnisch nicht schwierig, eher eine mentale Hürde.

Ich schaute mir die Sache mal aus der Nähe an und prüfte die Griffe. Alles fest, ausnahmsweise. Mit ein paar Bewegungen hatte ich mich den V-förmigen Spalt hochgeschoben (Symbolbild unten):

Das Bild oben ist natürlich völliger Unfug und zwei Wochen später erst entstanden… am Strand 😉

Oben hingen an einem großen Block mehrere fixe Schlingen zum Nachsichern. Brachte mir nur nix, so ganz ohne Ausrüstung. Das Einzige, was wir mithatten, war unsere sechs Meter lange Prusikschlinge, die wir immer als Wäscheleine benutzten. Ich überlegte noch, wie ich Antje damit die Schlüsselstelle entschärfen könnte, da kam sie mir auch schon entgegen. Schwupps – war sie oben (Bild unten). Auch net schlecht!

Unsere Kiwi-Freunde, nur gelegentlich im Gebirge, kamen mit Seil und Sicherungsmaterial ohne Probleme hinterher. Hier Alex beim Nachsteigen:

Das Wetter war nach wie vor der Oberhammer und der schwierigste Teil lag hinter uns – die Gipfelvorfreude stieg! Über Blockgelände mit Blick zum Lake Wakatipu kraxelten wir über den Nordostgrat dem höchsten Punkt entgegen. Alex rannte voraus, konnte es kaum glauben, dass er nun endlich auf dem Gipfel des Mount Earnslaw stand. Kurz danach kamen auch Brad und Chris oben an.

Wir fielen uns in die Arme, überreichten uns gegenseitig das Schotter-Kletter-Diplom und schauten uns Neuseeland von oben an.

Im Westen: Markante, gletscherbedeckte Granitgipfel über dem Pazifik. Im Norden: Das Matterhorn Neuseelands, der Mount Aspiring, im Vordergrund: die Travel-Antn!

Und in der Ferne die höchsten Berge des Landes um den Mount Cook. Im Süden: Der riesige Lake Wakatipu vor den Ausläufern der Alpen:

Im Osten, 2500m unter unseren Füßen: Das Rees-Valley. Irgendwo da unten stand unser Camperbus.

Bild unten: Das Esquilant-Biwak, vom Gipfel aus im Megazoom

Bild unten: Blick nach Norden

Bild unten: Fotoshooting mit Superstar Travel-Antn

Bild oben: Antje und ich mit unsichtbarem Gurt und Steinschlag-Stirnband + Steinschlag-Hawaii-Baseballcap

Bild oben: Kiwi-Selfie-Session

Da will man am liebsten gar nicht mehr absteigen von so einem außergewöhnlichen Ort. Wir saugten das Panorama eine ganze Weile lang in uns ein. Für Antje war es tatsächlich der erste Gipfel, auf dem eine Rast so richtig gemütlich war. Kaum Wind, Sonne, angenehme Temperaturen. Man hätte ohne Weiteres einen Liegestuhl hier oben aufstellen und Cocktails schlürfen können. Wie schnell sich das Wetter ändern kann in den Bergen Neuseelandes hatte ich ja bereits anfangs erwähnt.

Vom Pazifik her bahnte sich ein Wetterwechsel an. Die ersten Quellwolken bildeten sich. Antje und ich wollten an diesem dritten Tag der Tour ja auch eigentlich wieder komplett absteigen. Also Beine in die Hand, Rucksack auf den Buckel und runter den Earnslaus-Steinbruch.

Beim Abstieg sahen wir auf dem Birley-Gletscher gleich zwei Seilschaften im Aufstieg.

Vor den Neuankömmlingen kamen wir ohne Zwischenfälle wieder in der Biwakschachtel bei unserer hinterlassenen Ausrüstung an. Antje und ich beratschlagten, ob wir nach einer kurzen Rast weiter absteigen oder lieber doch noch eine entspannte Nacht dranhängen sollten. Wie so oft, wenn man erst einmal den Rucksack abgelegt, den Gaskocher angeschmissen und die Bergstiefel ausgezogen hat, fällt es einem mit jeder Minute, die vergeht umso schwerer, wieder in die Gänge zu kommen. Es folgte also noch eine weitere, allerdings völlig andere Nacht hier oben. Nach erfolgreich gemeisterter Gipfelbesteigung war die Stimmung in unserer Fünfergruppe natürlich noch ausgelassener als ohnehin schon. Da konnte auch das umschlagende Wetter nix dran ändern. Mittlerweile waren die beiden zuvor gesichteten Seilschaften angekommen. Sechs Franzosen mit übertrieben schwer bepackten Rucksäcken. Sahen alle fit aus, die Jungs. Wettergegerbte Gesichter. Sie checkten erstmal die Lage. Die Biwakschachtel hatten wir ja bereits belegt, aber das machte den bestens ausgerüsteten Kerlen nichts aus. Sie begannen ihre Rucksäcke auszuräumen. Neben Highend-Zelten sah ich Unmengen an Sicherungsmaterial. Zig Seile, Drohne, Kameras und eine Bohrmaschine! Was zum Geier?? „Was habt ihr denn bitte geplant??“, fragte ich einen aus der Truppe. Die Antwort ließ meine Augen auf die doppelte Größe anschwellen:

Eine Highline (Slackline) zwischen den brösligen Felsnadeln des West-/Ost-Gipfelgrates.

Mehr als 100m lang! Die ganze Aktion war gesponsert vom französischen Ausrüster Millet. Hier waren Profis am Werk.

Können und Ausrüstung bringen allerdings nix, wenn die Natur kein Bock hat. Es kam über Nacht knüppeldick. Bereits nach Sonnenuntergang zog ein Sturm auf, der die Zelte der Franzosen samt Insassen fast weggefegt hätte. Nachts kamen Regen und Schnee dazu. Ein Gefühl, wie in der Waschstraße war das. Nur ohne Auto. In unserer kleinen Blechbehausung wurde es dadurch nur umso gemütlicher. Draußen tobten die Naturgewalten und rüttelten an der Schachtel, drinnen war’s warm und kuschlig.

Antje hätte das Sauwetter am liebsten ausgesessen, notfalls wochenlang, aber die Vorräte waren uns bereits ausgegangen. Der letzte Porridge (schleimige Kalorienbombe) hatte sogar mir geschmeckt, vor lauter Hunger.

Wir spekulierten am nächsten Morgen noch eine Weile auf eine Wetterbesserung für den Abstieg, aber nix war’s. Antje wäre zwar lieber verhungert, als bei diesem neblig-nass-kalten Mistwetter die Hütte zu verlassen, aber es half ja nix. Alle zusammen überließen wir den dankbaren, ziemlich durchnässten Franzosen das Biwak und marschierten im tosenden Sturm bei null Sicht zum Birley-Gletscher.

Blankeis war jetzt angesagt. Langsam und vorsichtig schlichen wir uns durch den Nebel. Um sich zu verständigen, musste man schreien, so laut pfiff uns der Wind um die Ohren. Wir querten das Eis an der am wenigsten steilen Stelle und erreichten sicher die Moräne. Oberhalb der Baumgrenze hieß es dann Abschied nehmen von Alex, Brad und Chris. Wir sollten aber alle drei zu einem späteren Zeitpunkt wiedersehen. Die drei blieben noch eine weitere Nacht im Rock-Biwak. Hier unten zeigte sich, was Mikro-Klima bedeutet. Oben am Birley-Gletscher tobte noch das Sauwetter in der Winddüse zwischen den beiden Bergen und bei uns, unten auf der wetterabgewandten Seite war durchaus Picknickwetter. Verrückt!

Auf dem Weg zu unserem Camperbus gab es noch ein letztes Hindernis zu überwinden. Den vom Regen etwas angeschwollenen Rees River. Wir liefen den Fluss auf und ab, um eine geeignete Stelle zum Queren zu finden. Wir wählten eine Furt zwischen zwei Biegungen. Hosen, Strümpfe und Schuhe zogen wir aus. Ich nahm Antjes Rucksack vor meine Brust. Wir nahmen uns bei der Hand, stiegen ins Eiswasser und begannen im Krebsstyle seitlich gehend, über glattgeschliffene Steine zu queren. In der Mitte des an dieser Stelle etwa zehn Meter breiten Flusses reichte uns das Wasser bis knapp zur Mitte des Oberschenkels. Wir mussten uns nach vorne beugen, um nicht mitgerissen zu werden. Langsam und kontrolliert setzten wir einen Fuß vor den nächsten. Am Ufer angekommen half uns das Adrenalin wohl im ersten Moment über die stechenden Schmerzen in Füßen und Beinen hinweg. Denn es dauerte noch 15 Minuten, bis wir wieder Gefühl in den Gliedmaßen hatten und nach weiteren 2,5h Marsch und 1,5h Fahrt hatte uns Queenstown wieder. Mit allen Annehmlichkeiten der urbanen Welt. Pizza in Familiengröße und Bier zum Beispiel.

Bergsteigen in Neuseeland – das bedeutet Abenteuer pur! All inclusive! Mehr raus geht kaum!

Wir trafen in der Folge, während unseres insgesamt sechswöchigen Roadtrips, Alex gleich zweimal wieder. Er schwebte mit uns im Tandem-Paraglider zum Sonnenuntergang über Mittelerde. Ein phantastisches Erlebnis.

Brad besuchten wir mehrere Tage bei sich und seiner bezaubernden Familie in Dunedin, wofür wir spontan unsere Reisepläne über den Haufen warfen.

Und Chris bereitete uns mit seiner Frau im Hinterland von Auckland einen perfekten, dreitägigen Neuseeland-Ausklang am Ende unserer Reise.

Hobbits, Elben und Gollums haben wir zwar keine gesehen, aber es waren die supernetten Bekanntschaften und die atemberaubend abwechslungsreichen Landschaften, die Neuseeland zu einem ganz besonderen Erlebnis unserer Weltreise machten.

Herzlichen Dank für die wundervolle Gastfreundschaft Alex, Brad und Chris!!

Unsere Bilder des gesamten Trips gibt es HIER

Die Videos von Nord- & Südinsel HIER

Beim nächsten Mal geht’s zusammen auf den Mt. Aspiring! 🙂

Antje und Stephan

 

Ein Gedanke zu „In der Wildnis Neuseelands

  1. Mal wieder ein sehr schöner Reisebericht! Bei Antjes Kuhfladenkontakt konnte ich mir ein spontanes Gelächter nicht verkneifen;-)
    Der Aufstieg über die Geröllfelder war sicherlich sehr kraftraubend. Wir sind mal wieder froh, erst jetzt lesen zu müssen, wie gefährlich doch so ein Auf-/Abstieg sein kann…..

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