Verloren auf Hawaii

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Ohne Mietwagen auf Big Island? Geht! Aber nur mit Ashish!

Wir schreiben Dezember 2017. Soeben hat uns Trump überraschenderweise reingelassen:

In der Heimat hat jeder Kopfweh vom Glühwein – bei uns aber sind nicht die Getränke heiß, sondern das Wetter. Wir sind auf dem anderen Ende der Erde – auf Hawaii – und steigen stocknüchtern in den Kurzstreckenflieger. Inselhopping ist angesagt. Wir wollen von der Insel Oahu nach Big Island zu den aktiven Vulkanen Hawaiis. 

Hawaii-Beweisbild: Surfer mit Surfbrett unterm Arm

Auf Oahu hatten wir vergeblich versucht, einen auf low-budget zu machen. Geh in die Vereinigten Staaten und ich garantiere dir, du wirst nach einer Instant-Konsum-Gehirnwäsche, die bereits im Flieger anfängt, binnen kürzester Zeit zum Kaufsüchtigen! Hier im Land der unbegrenzten Möglichkeiten (Geld auszugeben) lachst du dich anfangs im Galgenhumor-Style noch über die exorbitanten Preise kaputt, doch schon im nächsten Moment schmeißt du mit Dollar-Scheinen um dich und bringst deine Kreditkarte zum Glühen!

Die Gehirnwäsche fängt bereits im Flieger an. Du willst Entertainment? Kostet aber! Direkt vor deiner Nase ist ein Slot für die Kreditkarte.

Verzichtest du darauf, wirst du mit Werbeclips berieselt: Von Immobilien über Zähne-Bleaching bis Nasen-Schönheits-OP ist alles dabei. Du hast viel Gepäck und willst ein Gratis-Rollwägelchen am Flughafen? Hahahaha! Kostet!

Nur atmen ist gratis! Immerhin! 

A propos Atmen – Wir sitzen also hoch oben über Hawaii im Flieger, als ich plötzlich Schnappatmung bekomme. Lag aber nicht am Kabinendruck, sondern an der Feststellung, dass ich meinen Führerschein im restlichen Gepäck, welches wir auf Oahu deponiert hatten, vergessen hatte. Mit Hinblick auf unseren für acht Tage gebuchten und bereits bezahlten Mietwagen auf Big Island eine doofe Sache, dachte ich mir. Wir beruhigten uns mit der Tatsache, dass ich zumindest den internationalen Führerschein + Reisepass bei mir trug und vom deutschen Führerschein immerhin ein Hochglanzbild.

„No photos allowed – I definitely need the drivers licence physically. Sorry! No car!“

Zack!! Da haben wir den Salat. Die harte Ansage der netten Dame am Mietwagen-Schalter zog uns den Boden unter den Füßen weg. Kein deutscher Führerschein – kein bereits mit ordentlich viel Steinen bezahlter Mietwagen. Läuft!

Trifft sich super, dass sich unsere Air-BnB-Wohnung exakt am anderen Ende der großen Insel befand. Ein Taxi-Fahrer, den wir nach dem Preis dahin fragen, hat plötzlich Dollarzeichen statt Pupillen in den Augen und nennt uns einen Betrag, mit dem wir mit Aldi-Reisen auch zum Mond hätten fliegen können.

Weil auf ganz Hawaii JEDER Bürger nicht nur einen Privat-PKW, sondern vielmehr einen ganzen Monster-Truck (ernsthaft!) besitzt (Einstiegshöhe 1,5m), wird der Bedarf an öffentlichen Verkehrsmitteln schon fast hinfällig. Uns wird gesagt, dass ein einziger Bus die Insel einmal am Tag umrundet. Klang allerdings eher nach Gerücht. Wir gehen der Sache auf den Grund und finden Haltestelle und eine In-etwa-Abfahrtszeit heraus. Doch wie kommen wir da hin?

Dies war tatsächlich der erste Moment in unserem Leben, an dem wir nur noch mit ausgestrecktem Daumen weiterkamen!

Wir stehen an einer stark befahrenen Straße unweit des Flughafens und trampen! Es dauert gar nicht mal so lange und ein heranrauschender Monster-Truck hält an. Krass! Das funktioniert ja bestens!

Wir machen die Tür auf und uns kommt ein intensiver Schwall Blumenduft entgegen. Sofort fragt uns der sympathisch entspannte Fahrer, ob uns der Blumenstrauß in seiner rechten Hand stören würde und ob wir auch mal daran riechen möchten. „No worries, dude!“ Abfahrt! 

Nach einer weiteren Hitchhike-Fahrt sitzen wir an der Haltestelle und können unser Glück kaum glauben, als doch tatsächlich der inselweit einzige Bus angerollt kommt und uns in stundenlangem Geeiere um die Insel unweit der Unterkunft absetzt. Soweit so gut.

In der Behausung trifft uns dann der nächste Schlag. Wir wohnen im Nirgendwo und die Küche ist nur für typisch amerikanische Kost ausgestattet – kein Herd, kein Ofen, dafür eine nichtsnutzige Mikrowelle. Es stellte sich heraus, dass das in Renovation befindliche Haus keine Postanschrift hat. Mein Führerschein, den wir per Eilpost mit Hilfe unseres Gastgebers auf Oahu auf die Reise zu uns geschickt hatten, um doch noch an den Mietwagen zu kommen, war folglich im Nirvana verschollen.

Kleine Zusammenfassung des zwischenzeitlichen Desasters: Wir sitzen in einem klitzekleinen, abgelegenen Kaff fest ohne Fahrzeug und ohne öffentliche Transportmöglichkeiten, ohne Kochmöglichkeit und ohne Strandzugänge (alles Privatgelände und Steilklippen)  – und das alles im paradiesischen Hawaii!

Wer jetzt denkt, damit sei der Urlaub ja eigentlich vorbei, der irrt! Denn in solchen Situationen geht das Abenteuer erst richtig los!

Unsere lieben AirBnB-Gastgeber, die jeden späten Nachmittag im Haus werkeln nehmen uns mit in die nächst größere Stadt namens Hilo und setzen uns dort am Strand aus, damit uns im Zimmer nicht die Decke auf den Kopf fällt und wir wenigstens das Meer sehen und was essen gehen können. Gegen Abend musste dann wieder der Daumen raus, um zurückzukommen.

Ein Einwanderer aus den Philippinen nimmt uns mit und erzählt uns von seinen acht Adoptivkindern und schimpft ironischerweise über die ganzen Migranten auf den Inseln.

Am Walmart kaufen wir ein. Ein Apfel und eine Karotte sind hier (und vermutlich den gesamten USA) ungefähr so teuer wie ein fürstlicher Familienschmaus beim guten alten McDonald’s nebenan, weshalb die Schlange dort auch ca. bis zum Ausgang reicht. Verrückte Esskultur!

Mit den Einkäufen in der Hand folgt unweit des Supermarktes die nächste und – wie sich heraus stellen sollte – letzte Daumen-raus-Aktion des gesamten Urlaubs. Der Grund dafür heißt Ashish!

Uns kommt ein Geländewagen, ausnahmsweise mal ohne Monster-Truck-Bereifung, entgegen. Am Steuer sitzt ein Inder mit Pferdeschwanz und daneben seine Mutter, die auf Besuch ist. Wir steigen ein und freuen uns gleich doppelt, als sich herausstellt, dass Ashish direkt in unserer Nachbarschaft wohnt.

Wir erzählen von unserer misslichen Lage, aber Ashish findet das alles ganz und gar nicht schlimm. „Don’t worry – I gonna manage your trip“, sagt er bloß und lädt uns auch gleich ein zum Abendessen bei sich zu haus inklusive Abholung. 🙂

Als er dann am selben Abend bei uns vorfährt hält er hawaiitypisch einen Strauß Blumen in der Hand, an dem er regelmäßig schnuppert, auch beim Fahren – ganz normal hier auf der Insel. Überhaupt könnte man glauben, Ashishs Leben ist der Inbegriff des Inseltraums. Sein kleines aber feines Häuschen steht auf einer Anhöhe mit Meerblick mitten im Grünen und hat was von einem Bauernhof. Beim Einparken auf der Wiese muss man aufpassen, dass man Ziege und Kuh nicht über den Haufen fährt und beim Öffnen der Autotür wird man sofort von einem einkubikmetergroßen Hundefellkneuel niedergestreckt. Ashishs Tagesablauf könnte entspannter nicht sein. Nach jahrelangem Weltenbummeln, insbesondere in den spirituellen Gegenden Indiens und Nepals, hat er über einige Umwege seine Heimat hier auf Big Island gefunden.

Morgens wird erst einmal ausgeschlafen, der Schädel brummt noch… lag vielleicht auch am billigen Rotwein…

Die Hand sucht ihren Weg vorbei an leeren Bierflaschen hin zur Tüte mit den Blumen. Ashish liebt Blumen und auf einer Insel, auf der alles wächst wie Unkraut, wird der Vorrat an Blüten nie knapp. Eines Abends geht Ashish dann doch unerwarteterweise mal das duftende Gewächs aus – also fährt er schnell nach Hause und parkt direkt hinter seinem Auto #3, welches nicht mehr läuft, aber als Lager noch gut genug ist. Er öffnet im Scheinwerferlicht gangstermäßig die Kofferraumluke des abgestellten Wagens und fängt an, wild darin herumzuwühlen. Wir staunen nicht schlecht, als er Plastiksäcke voller Blumen zur Seite räumt und sich aus einem davon die Vorratstüte vollstopft. Was macht der Kerl eigentlich beruflich so? Das weiß irgendwie niemand so genau. Vielleicht ist er Blumenhändler, oder Rockstar!?

Aber zurück zur Story: Wir sitzen also immer noch im Wagen vor dem Mini-Bauernhof und warten bis Ashish mit seinem Blumenstrauß fertig ist. Der Grund ist Ashishs Mama, die im Haus bereits in der Küche zugange ist und gegen Blütenstaub allergisch ist. Natürlich soll sie von der Vorliebe ihres Sohnes für duftende Blumen nichts mitbekommen. Ständig werden wir in den kommenden Tagen als Vorwand missbraucht, um eine kurze Blumenausfahrt zu machen.

Ashishs Mutter lebt in Kalkutta und ist eine phantastische Köchin. Während Antje und ich unsere Lieblingssuppe (Kokusmilch-Kürbis-Süßkartoffel) zum Abendessen beisteuern, verteilt sie Tipps, schlägt dazwischen ihrem Sohn ein paar mal auf die Finger und zaubert die köstlichsten indischen Leckereien. „Okay, let’s go“, ruft Ashish plötzlich, nachdem alle Speisen zubereitet sind. „Put it in the car…“. Hä? Essen wir jetzt im Auto, oder was? „We gonna have our dinner at a friend’s place!“. Achso… auch gut. Nach 15 Minuten Autofahrt sind wir bei der Familie von Jarrod und werden freundlich, aber mit etwas verwirrtem Blick begrüßt, denn hier wusste niemand von den Überraschungsgästen. Es sollte ein Abend werden, der in Jarrods schicker Autowerkstatt nebenan, mit viel Automobilfachsimpelei und Unmengen an Bier ein feucht-fröhliches, spätes Ende finden sollte. 😉

Die folgenden Tage, wir sind bereits zu Ashish umgesiedelt und seine Mutter zurückgereist nach Indien, sind von Planlosigkeit, unzähligen Überraschungen und Blödsinn geprägt, auf den hier nicht weiter eingegangen werden soll.

Jedenfalls schmeckt Bier auch manchmal früh am Morgen und ein Hühnchen lässt sich tatsächlich mit einem Blatt Papier und einem Stift hypnotisieren. Gib uns ein Huhn und wir beweisen es dir!

Von unseren eingeplanten Attraktionen auf Big Island (Schnorcheln, Traumstrände, Lavaströme, Canyons, etc.) sehen wir natürlich rein garnix, dafür tauchen wir ganz tief ein in das Leben der wunderbaren Inselbewohner (allesamt Blumenliebhaber) und sehen Plätze, die von den Touristen noch nicht überschwemmt wurden. Ein kleines Highlight war auch der Surftripp mit Jarrod an einer kleinen Bucht bei Hilo, gleich am Tag nach der Werkstatt-Party:

An einem anderen Tag setzte uns Ashish irgendwo im Nirgendwo ab, erklärte uns den Weg und wir marschierten los zu den Kaskaden der Narnia-Falls:

 

Akaka Falls:

Kurze Exkursion in eine der unendlich vielen Lavahöhlen:

Zu den Lavaströmen des rund um die Uhr aktiven Vulkans Kilauea schafften wir es zwar leider nicht ganz, dafür konnten wir nach einer kurzen Aufräumaktion an einem von Ashish aushilfsweise betreuten Ferienbaumhäusern einen Blick in den riesigen Krater werfen.

Unsere Besuche an aktiven Vulkanen haben mysteriöserweise erstaunlich häufig heftigste Ausbrüche zur Folge. Der Volcán de Fuego in Guatemala, den wir erklommen hatten und sogar eine Nacht oben verbracht haben (hier der Bericht) ist vor einigen Wochen in die Luft geflogen und hat hunderte Opfer gefordert. Und auch der Kilauea auf Big Island setzte vor einigen Wochen mit Lavaströmen ganze Siedlungen in Brand bis vor kurzem. Die Vulkangöttin Pele (Bild unten) hatte wohl schlechte Laune.

Zum Abschied bricht dann als Abschluss einer einwöchigen Schlechtwetterperiode auf Big Island tatsächlich auch noch der Winter aus.

Schnee auf Hawaii… man glaubt es kaum. Zumindest in den höheren Lagen… und höhere Lagen bedeutet hier immerhin maximal 4207m (Mauna Kea). Klugschiss des Tages: Der Mauna Kea ist auch gleichzeitig der größte Berg der Erde. Der überwiegende Teil der gigantischen Vulkaninsel liegt nämlich unter dem Meeresspiegel. Insgesamt kommt der Klotz auf mehr als 10 Kilometer!

Was macht man, wenn’s auf Hawaii schneit? Man will einen Schneemann bauen! Also rein in den Jeep und hoch ins Gebirge. Leider scheitert unser Plan auf ca. 3500m kläglich unterhalb der Schneegrenze in der Lavawüste, weil die Straßen gesperrt sind. Lustig war’s trotzdem!

Weil wir jetzt schon mal in der Mitte der Insel sind, fahren wir auch gleich auf die Westseite zu Freunden von Ashish, einem super netten pakistanisch-japanischen jungen Pärchen – beides Ärzte. Traumhafte Wohnung in Höhenlage mit Meerblick inmitten von Kaffeefeldern. Marissa kommt von der Arbeit und braucht erst einmal einen Strauß Blumen. Kein Problem – Ashish ist zur Stelle. Während er mit Meisterhand den Strauß bindet, hält er gleichzeitig ein perfekt vorgetragenes Plädoyer gegen die alles und jeden vergiftende Lebensmittelindustrie und für eine gesunde, bewusste Ernährung. Zustimmend reiße ich währenddessen eine vor Glutamat nur so stinkende, höllisch scharfe Tüte Takis-Chips auf. Es dauert keine fünf Sekunden, da bricht Ashish seinen Vortrag ab und wirft sich in die Tüte Chips. Herrlich! 😀

Hier hatte ich auch die erste Begegnung mit einer Ukulele. Tolles Instrument! Haben wir uns dann auch gleich selbst zugelegt und war treuer Begleiter bis Indien, da hat sie Martin dann sicher nach Deutschland gebracht, wo sie auf uns wartet. 🙂


Nach acht wunderbaren Tagen auf der immer noch sehr ursprünglichen, größten Insel Hawaiis brachte uns unser liebenswerter Kidnapper Ashish dann auch noch zum Flughafen.

Yes Ashish – you not only managed our Trip – you even made something great out of it! You are the best!

Für uns war das Inselhopping aber noch lange nicht vorbei. Es ging weiter nach Maui. Auf dem Weg dahin zeigte sich der Mauna Kea auf Big Island mit zugeschneitem Haupt (Bild oben).

Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass wir unseren positiv verrückten Freestyle-Inder bereits am nächsten Tag wieder sehen sollten! Er kam uns hinterhergeflogen, weil er für seine Zukunftspläne (indischer Foodtruck) auf der Suche nach einem passenden Truck war und es auf Maui einige gute Angebote gab. Letztendlich wurde er auch tatsächlich fündig und ist zur Zeit dabei, sein Projekt zu verwirklichen. Mit Muttis Kochtipps und Ashishs unnachahmlich sympathischer Art wird das ganz sicher einschlagen wie eine Bombe! Vielleicht auch im Lambock-Style. 😉

Wir drücken jedenfalls die Daumen!!


Hawaii-Video inklusive Oahu, Big Island und Maui:

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Hawaii-Bilder-Best-Of:

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