80m bis zum Nevado Pisco, 5752m

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Das zweite Himalaya

Gäbe es das Himalaya-Gebirge nicht, stünden in der Cordillera Blanca um Huaraz die höchsten Berge unseres Planeten – und die spektakulärsten noch obendrein!

Das Mekka für Trekker, Bergsteiger und Naturliebhaber. Ausgezeichneter Patagonien-Ersatz und in Sachen Magie vergleichbar mit Chamonix in den französischen Alpen. Die Auswahl an Prachtgipfeln ist schier unbegrenzt:

  • Alpamayo, 5947m: Im Rahmen eines Fotowettbewerbs einst als „schönster Berg der Erde“ ausgezeichnet. Zitat des Erstbesteigers: „Ein Traumberg erhebt sich über den Tälern der nördlichen Cordillera Blanca, wie ihn nur Kinder zu zeichnen wagen, die noch nie einen Berg gesehen haben. Das ist der Alpamayo – nicht Traum, sondern Wirklichkeit.“
  • Artesonraju, 6025m: Diese gigantische Pyramide ziert das Logo des Hollywood-Riesen Paramount-Pictures
  • Und nicht zuletzt – der Huascarán, 6768m: Höchster Berg Perus.

Keine Frage – das ist der Place-to-be für uns… auch wenn wir nur fünf Nächte Zeit hatten, vor dem Weiterflug nach Ecuador.

Also für eine Stunde rein ins Flugzeug in Cusco, ab nach Lima (was per Bus 20h dauert) und dort per 9h-Busfahrt ins Hochgebirge nach Huaraz.

Ständige Lektüre – Tibis ausgeliehene Bücher über die Wander- und Bergsteig-Optionen im Gebiet. 😉

„Was fangen wir eigentlich mit unserer Zeit an, da oben?“ – die Möglichkeiten sind unbegrenzt, aber hängen natürlich vom Wetter und vor allem beim Bergsteigen von den Bedingungen vor Ort ab und die Saison war eigentlich bereits vorbei. Auch zu berücksichtigen: Antjes permanente Angst, im Hochgebirge zu erfrieren oder ihre Zehen zu verlieren! 😉

Gleich nach der ersten Nacht in der wunderschönen Casa de Zarela, wo wir von Zarela persönlich erste wichtige Tipps bekamen, ging’s am nächsten Tag ins Bergsteigerbüro. Dort sollten die Würfel fallen – was sie auch taten!

Tibi hatte den Aussichtsberg Nevado Pisco (5752m) bereits vor der Anreise ins Spiel gebracht. Als Alternative zum beliebten Santa-Cruz-Trek schnürten wir mit der Laguna 69 zusammen ein rundes 4-Tages-Trekking-Bergbesteigungs-Paket, Campingabenteuer inklusive.

Bergführer Felix bestätigte uns, dass der Berg unserer Wahl aktuell tatsächlich noch machbar wäre. Von den höheren Bergen ab 6000m riet er uns allerdings ab, wegen der instabilen Wetterlage.

Also nochmal ganz weit hoch. YES!!! 🙂

Dann ging alles ganz schnell: 

  • Ab in die Agency Ausrüstung ausleihen: Steigeisen, Seil, Eisschrauben, Hochtourenpickel, etc. – alles was man eben so braucht.

  • Ab in den Supermarkt: Proviant für vier Tage sollte es werden, weil Tibi nach seinem Am-Elbrus-fast-verhungert-Abenteuer traumatisiert war, wurden ca. drei Tonnen Nahrung daraus! 😉

  • Kompass einpacken – danke Joe 😉

  • Kurz die Karte anschauen:

  • Taschen packen: Alles viel zu schwer – wie immer!

  • Kurz noch den Bergen zuprosten… soll ja Glück bringen:

  • Zeitig aufstehen und per Collectivos rein ins Gebirge:

 

Von imposanten 6000ern umzingelt, beginnt das Abenteuer auf 3900m an den Lagunas de Llanganuco, die durch einen gigantischen Bergrutsch entstanden sind.

Im Bild oben: Beim Zustieg zur Laguna 69 steht der Huascarán im Hintergrund. Der Berg ist so riesig, dass er sein eigenes Wetter macht:

Bild oben: Gut getarnter Eichhörnchen-Maus-Hase (Berg-Viscacha).

Wie schnell das Wetter umschlagen kann hier oben, sollten wir kurz nach dem Bild am eigenen Leib zu spüren bekommen. Schneeregen & Temperatursturz binnen Minuten. Zusammen mit einem netten Pärchen aus der Schweiz kommen wir halb erfroren an der Laguna an und bauen mit steifen Fingern die Zelte auf. 

Die Nacht sollte lang werden. Immer wieder musste ich Schnee vom Zelt räumen.

Am Nächsten morgen hatte sich das Wetter beruhigt und wir konnten endlich die Umgebung genießen:

 

Ins Eiswasser hat sich aber nur die Travel-Ente getraut! 😉

Der letzte von ungefähr 100 Ingwer-Tees, die wir hier oben geköchelt und geschlürft haben:

Während unsere Freunde aus der Schweiz wieder abstiegen, sollte es für uns zur nächsten Etappe gehen – zum Refugio Peru auf 4675m, der ersten Berghütte der Cordillera, Anfang der 90er von Italienern im Alpenhüttenstil erbaut und Ausgangspunkt für die Besteigung des Nevado Pisco.

Zur Rettung von Antjes Gliedmaßen entschieden wir uns in der Hütte zu übernachten. 😉

Die Hütte liegt in Bildmitte, links neben der riesigen Gletschermoräne. Auch gut zu erkennen, wie dramatisch der Gletscher über die Jahre geschrumpft ist. (Grüße an Donald Trump)

Das Wetter war mal wieder so gut gelaunt wie ein bolivianischer Taxifahrer im Altiplano:

Tibi kuschelte trotzdem eisenhart draußen im Zelt mit den Lamas.

In der gemütlichen Hütte dann die Überraschung: Wir trafen ausgerechnet Felix wieder, den hilfsbereiten Bergführer aus Huaraz. 😀

Er kam soeben von dem gescheiterten Versuch zurück, zwei zahlende Kunden auf den Nevado Pisco zu führen. Abbruch 250 Höhenmeter unterhalb des Gipfels im Whiteout (um einen herum alles weiß, kein oben, kein unten). Schneesturm, große Spalten und Neuschnee machten es unmöglich, den Gipfel zu erreichen, sagte er. Bei der Umkehr war sogar die eigene, zehn Minuten zuvor getrampelte Spur bereits verweht!

Das macht ja richtig Laune!

Er wies außerdem darauf hin, dass der weite Weg bis zum Gletscheranfang auf ca. 5000m zunächst eine steile Steinschlagrinne hinab und danach kreuz und quer durch das weitläufige Blockfeld der Gletschermoräne führt. Beim Aufstieg früh morgens im Dunkeln nicht leicht zu finden.

Wir beratschlagten nicht lange – bei der Wetterlage und dem Neuschnee machte es keinen Sinn, einen Gipfel-Versuch zu starten.

Der Wecker hätte um 2 Uhr nachts klingeln sollen für die Tour – wir stellten ihn aus. „Immerhin können wir jetzt ausschlafen.“ 😉

Wir waren nicht traurig – erlebt hatten wir bei der Wanderung bisher eh schon genug und das Panorama war auch bei schwankender Wetterlage immer noch imposant. In der Hütte gab’s Tee, Bier, eine Gitarre und ein halb versteinertes Uno-Kartenspiel… was will man mehr. 😉 Epische-Schlachten waren die Folge!

Sogar Pisco gab es auf der Hütte, der traditionelle Traubenschnaps, nach dem der Nevado Pisco auch benannt wurde, weil sich die Erstbesteiger nach ihrem Erfolg damit wieder zurück in den Himmel gebeamt haben.

Weil er uns so sympathisch war und als kleiner Trost für die gescheiterte Besteigung, tranken wir mit Felix noch eine Runde Pisco und gingen irgendwann ins Bett bzw. Zelt.

Nachts wurde ich ein paar mal wach und schaute aus dem kleinen Fenster nach draußen:

2 Uhr: Glasklarer Sternenhimmel!

4 Uhr: Bestes Wetter, kein Wind zu hören!

6 Uhr: „Verdammt! Wo ist er denn nun, der Schneesturm, wegen dem wir nicht aufbrechen wollten zum Gipfel??“

Ich machte kurz Antje wach, Antwort: „Njoohhjnammm“- okay schlaf weiter… sprang aus dem Bett, schnappte mir die Kamera und ging nach draußen:

„Verflixt und zugenäht!!!“ Traumhaft und ärgerlich zugleich – da hat uns der Wettergott ja schön ins Bockshorn gejagt!

„El tiempo esta loco en la montaña!“ – hör ich Felix plötzlich neben mir. Tatsächlich verrückt! Bei perfektem Bergwetter könnten wir jetzt schon seit 4,5h unterwegs sein in Richtung Gipfel.

Moment mal… ist ja eh noch recht früh – denk ich mir und flitze runter zu Tibis Zelt:

Tibi, nachts von den Lamas zum Glück nicht gefressen, war schon wach und hatte die gleiche Idee: Sachen packen und los! Zumindest bis zum Sattel auf 5300m. Von dort hat man bereits einen Wahnsinns-Ausblick in Richtung Alpamayo und Paramount-Pictures-Berg.

Kurz hoch zu Antje – „Jo, eigentlich hab ich mich schon damit abgefunden, dass nix daraus wird, aber bis zum Sattel is okay!“

Also schnell eine Ladung Porridge gekocht und reingeschaufelt, Sachen in den Rucksack geschmissen und losgerannt!

Durch die Steinschlagrinne, die ausschaut, als hätte jemand die losen Steine an einen Sandhaufen geklebt, runter auf die Moräne:

Dagegen war das Grand Couloir am Montblanc fast schon ein Kinderspielplatz.

Rein ins Blockfeld-Labyrinth:

Über uns – freie Sicht auf den Nevado Pisco:

Auf dem Weg zum Einstieg:

Blick zurück zum Labyrinth mit ungefährem Verlauf:

Endlich am Gletschereinstieg – Ausrüstung anlegen!

Auf in Richtung Sattel – vorbei an großen, aber harmlosen Spalten, ab und zu mal über kleinere drüber:

Und dann waren wir oben… nicht ganz oben, aber immerhin auf dem Sattel und wir sahen zu ersten Mal die Eisriesen der anderen Seite:

Bild oben: Alpamayo hinten links und wo der Artesonraju (Paramount-Pictures-Berg) steht, sieht auch ein Blinder.

Da kann man nur jubeln…

Nachdem wir wieder bei Sinnen waren, schauten wir kurz auf die Uhr und in Richtung des Gipfels:

„Sind ja eigentlich eh bloß noch knapp 500 Höhenmeter bis hoch!“

Es kam wie’s kommen musste… Wettlauf gegen die Zeit, dem Gipfel entgegen. Ab hier wurde es deutlich anspruchsvoller. Keine Felix-Spur mehr (verweht), weicher Neuschnee und ein zweites Labyrinth… nur diesmal aus Gletscherspalten. Spannend! Let’s get it on!

Wir hatten die Felix-Höhe des Vortages bereits deutlich überschritten. Teilweise war ein Weiterkommen nur noch an einer Stelle, an einer Schneebrücke über der Spalte möglich:

Immer wieder mussten wir auf die Uhr schauen – die Zeit lief uns davon. Tibi prüfte per GPS die Höhe – dem Elbrus (Kaukasusgebirge, höchster Berg Europas), den er im Sommer bezwungen hatte, konnten wir bereits aufs Haupt spucken. Wir stiegen noch weitere 30 Höhenmeter auf, bis wir uns hinter zwei Querspalten zusammenhockten.

Der Gipfel war zum Greifen nahe – GPS-Check: 5669m! Es fehlten knapp 80m!

Uhr-Check: Gesetztes Zeitlimit bereits um 30min überschritten. Vor uns eine große, unvollständig zugeschneite Spalte mit steilem Anstieg direkt dahinter. Durch das Blockfeld-Labyrinth und die Steinschlagrinne wird’s im Dunkeln auch nicht lustiger. Wir waren uns alle einig: Bis hier hin und nicht weiter!

Unser 80m-unterm-Gipfel-Selfie:


Den Rückweg schafften wir noch gerade so im Hellen. Das Wetter wurde auch wieder schlechter und wir waren froh, noch vor dem einsetzenden Schneeregen wieder zurück in der Hütte zu sein.

Zum Sonnenaufgang am nächsten Morgen gab der Nevado Pisco noch einmal alles:


Es kann durchaus sein, dass wir in dieser Saison die letzten waren, die es (beinahe) auf den Gipfel geschafft haben. In jedem Fall waren wir die letzten, die die Gemütlichkeit der Hütte noch genießen konnten, denn zusammen mit der Hüttencrew und den Lamas sperrten wir bis zum kommenden Jahr ab und zogen ins Tal.

Zum perfekten Ausklang gab es unten noch die letzten Futter-Reserven aus unserem tonnenschweren Lunchpaket:


Peru – es war ein schlafloser Quicky! Wer ihn auf Video nochmal sehen will -> HIER KLICKEN

Auch zu dir sagen wir: Hasta la Vista, Baby! We’ll be back! Vor allem in der Cordillera Blanca! Und dann stehen wir nicht erst um 7 Uhr auf zum Bergsteigen. 😛

Extrem erlebnisreich, abwechslungsreich und wunderbar waren die gerade mal zwei Wochen, die wir drei hier verbracht haben! Antje und ich mussten noch in der selben Nacht (!) per Bus zurück nach Lima wegen unserem Weiterflug nach Ecuador. Tibi hatte eine weitere knappe Woche und entschied sich, noch eine Weile im Alpinisten-Spielplatz von Huaraz zu bleiben.

Wir grüßen heute aus Quetzaltenango, Guatemala. Morgen ziehen wir die Sombreros auf – MEXIKO wir kommen!! 🙂

Antje & Stephan

5 Gedanken zu „80m bis zum Nevado Pisco, 5752m

    1. ? top Timing…passend zum Wochenende!! Da machmer gleich Rekordumsatz!!! Ich caste morgen gleich noch ne Runde Angestellte in der Kneipe…en paar Tequilaleichen passen zu jeder Fete! ?

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