Äthiopien Teil 1 – Antjes erster Blogbeitrag :-)

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Auf dem „Historical Circuit“ durch Nord-Äthiopien

Auf Äthiopien habe ich mich von Anfang an am meisten gefreut und musste gleichzeitig am längsten darauf warten, weil Afrika unser last stop der Reise war. Warum die Freude so groß war, konnte ich gar nicht genau sagen, wahrscheinlich weil man in afrikanischen Ländern irgendwie den größten Kulturschock erlebt und auch, weil wir über Äthiopien fast nichts gewusst haben (außer dass es das einzige afrikanische Land ist, das quasi nie unter europäischer Kolonialherrschaft stand und somit noch am meisten es selbst ist!) und es deshalb ganz viel Neues zu entdecken geben würde.

Mein Plan war es ja, einfach nach Addis Ababa zu kommen und dann mal zu schauen, was passiert. 😉 Gewusst haben wir nur, dass wir von Äthiopien nach Kenia wollten, deshalb haben wir den Norden Äthiopiens erstmal ausgeschlossen, um von Addis Ababa durch den wenig touristischen Süden zu reisen und dann über die Grenze nach Kenia. Als uns dann aber die Zwiste zwischen Äthiopien und seinen Nachbarn im Süden zu Ohren gekommen sind, haben wir doch alles wieder umdisponiert: Wir fahren in den Norden und fliegen dann einfach nach Nairobi! Der nördliche Teil des Landes ist dichter besiedelt und „höher entwickelt“ und deshalb durch eine bessere Infrastruktur auch einfacher zu bereisen als der Süden, wo man von den Tour-Operatern und ihren Jeeps abhängig wäre. Dafür hätte man dort aber mehr von den ursprünglichen Völkern, wo man z.B. Dörfer der Menschen mit den großen „Tellern“ in der Unterlippe  etc. besuchen hätte können. Nächstes Mal!

Wir kommen also in Addis Ababa an und fragen den Taxler, der uns zum Hotel bringt, was seine Lieblingsspeise ist. Nachdem wir ihm zu verstehen gegeben haben, dass Pizza nicht zählt, nannte er uns seinen äthiopischen favorite: “SCHROT“  –  wir schreiben frei nach Gehör – und dazu  unbedingt „ENSCHERA“. Angeblich kann man gutes, hygienisches und vor allem das typische Essen in „Cultural Restaurants“ bekommen, große Hallen mit unendlich vielen wunderschön verzierten holzgeschnitzten Stühlen und einer Bühne, auf der abends auch traditionelle Tänze aufgeführt werden. Keine Touristenfalle, auch die Einheimischen gehen dort gern hin. Voller Neugier angekommen, serviert man uns mit Freude „SHIRO mit INJERA“, welches wir in den nächsten drei Wochen fast täglich essen sollten und von nun an konnten wir es auch richtig schreiben! 

INJERA ist das, was den hungrigen Bauch voll machen soll! Die gemahlenen Körner des Getreides „TEFF“ werden vergoren und zu einem flüssigen Teig angemacht (ähnlich wie Palatschinkenteig) und dann in von außen nach innen kleiner werdenden Kreisen über eine heiße Platte gegossen (wie bei französischen Crêpes), einmal gewendet und fertig ist das allseits beliebte Injera. Es dient  gleichzeitig als Teller und als Besteck, da alle weiteren Speisen, wie Shiro (Kichererbsenpürree) oder Kohl oder Spinat oder Linsen oder Ziegen- oder Lammfleisch etc. auf dieser äthiopischen Palatschinke mit säuerlichem Geschmack serviert werden. Man reißt sich dann ein Stück Injera ab und nimmt damit ein bisschen vom Linseneintopf etc. zwischen die Finger und steckt sich den Happen in den Mund. Ganz einfach. Zumindest wenn man zusieht. Wenn man es selber probiert: Saustall!

Aber die tägliche Übung hat uns zu Meistern gemacht! Die äthiopischen Pärchen sind außerdem auch Meister im Sich-gegenseitig-mit-den-Fingern-Füttern: dabei zeigt man dem Partner und allen anderen rundherum seine Zuneigung. Schöne Tradition! „Schau nicht so!“, mussten wir uns immer wieder unauffällig zurufen bei diesem außergewöhnlichen Anblick. Zur allgemeinen Sicherheit haben wir das lieber nicht ausprobiert! 🙂

Übrigens waren die Essensportionen nirgends auf der Welt (unsere subjektive Weltreisenwelt!) größer als die in Äthiopien – niemals wurden wir mehr gemästet und nirgends mussten wir das Lokal öfter rollend verlassen als hier. Gar nicht konform mit dem gängigen Äthiopienbild, das wir im Kopf mit uns herumtragen. (WAS ABER NICHT HEISSEN SOLL, dass ihr den armen Kindern in den Hunger- und Dürreregionen jetzt deshalb nichts mehr spenden sollt! Ihr sollt spenden! Die brauchen das ganz dringend!)

Von Addis haben wir ganz wenige Fotos, dort gibt es eigentlich nicht wirklich was zu sehen, außer viel Verkehr, viele Baustellen, ein generelles Gewusel auf den Straßen und dann doch ein paar wichtige Kirchen. „Hey, ihr Zwei. Touristen müssen Eintritt zahlen!“ winkt uns der Pförtner zu sich. Einen exorbitanten Eintritt, wie wir unmissverständlich auf der fein säuberlich ausgedruckten und laminierten Preisliste sehen – so interessant ist die Kirche dann auch wieder nicht, da geben wir das Geld lieber für was Sinnvolleres aus. Gleiches passiert auf einem Aussichtshügel mit Blick über Addis. Sollten Kirchen und Aussichten nicht für alle sein?, denken wir uns und gehen wieder bergab. Die Handvoll Touristen, die sich nach Äthiopien traut, dann schnell wieder vergraulen, lautet also die Devise.

Wir schauen dann noch im Nationalmuseum bei unserer alten Verwandten Lucy vorbei und  freuen uns auf die kommenden zweieinhalb Wochen in der Wiege der Menschheit, fernab von der großen, lauten, staubigen Stadt.

Familien-Selfie:

Unsere 3,2 Mio Jahre alte Urururur-Oma, wurde 1974 gefunden und nach dem Beatles-Song „Lucy in the Sky with Diamonds“ benannt. Sie war 107cm groß, ist aufrecht gegangen und trotzdem gern auf Bäume geklettert.

Auf dem Weg zum Busbahnhof reden uns zwei junge Männer an, Salomon und Jonas mit den Dreads und schwarzen Zähen fragen uns, zu welchem Busunternehmen wir wollten und empfehlen uns dann ein anders. Wir beschließen, ihnen zu vertrauen und lassen uns von ihnen dorthin begleiten, dabei erzählen sie uns ein paar interessante Dinge über ihr Heimatland.

Im fensterlosen 5m² großen Büro des Busunternehmens in Addis nennt uns die nette Dame die Abfahrtszeit nach Bahir Dar für den morgigen Tag: 10 Uhr. Ist das nicht viel zu spät, wenn die Fahrt so lange dauert? Uns hat man doch von einer saufrühen Abfahrt um 4 Uhr morgens erzählt… Da erfahren wir, dass Äthiopien eine ganz eigene Uhrzeit hat, nämlich +6 Stunden zur internationalen Zeit, bei der der Sonnenaufgang um 00:00 Uhr ist. Dann ist 10 Uhr also eh 4 Uhr – perfekt! Und bei der Gelegenheit nannte man uns auch das aktuelle Datum: statt im Mai 2018 waren wir plötzlich im September 2010! Startpunkt der äthiopischen Zeitrechnung ist Christi Geburt, nur ist die halt ein bisschen anders angesetzt. Very interesting! Endlich wieder 24, rufe ich durch die Gegend und freu mich, dass ich wieder jung bin! 😉

Weil der Deal im Busunternehmen so gut geklappt hat, bringen uns die zwei noch zu ETT, der „billigsten Agency“ in ganz Äthiopien, um eventuell eine Tour in die lebensfeindliche Danakil-Wüste und in die Simien Mountains zu buchen, zwei wahre Highlights, die wir unbedingt erleben wollen! Wir bekommen einen super Preis für Danakil, die Jungs werden sich im Nachhinein sicher noch eine kleine Provision abholen – voll ok für uns – und weil die zwei so sympathisch sind, laden wir sie noch auf eine Platte Injera ein. Wir alle teilen das Menü und essen mit den Fingern. Wir lernen unsere ersten Vokabel auf Amharisch. Unser Lieblingswort: das unaussprechliche „amesgenalhu“ – danke 🙂

 

  1. STOP: BAHIR DAR und DER BLAUE NIL

Neun Stunden Busfahrt gen Westen ins Hochland liegt Bahir Dar am Tanasee, dem höchstgelegenen See Afrikas, bekannt durch seine vielen Inseln, auf denen sich alte christliche Klöster befinden, und bekannt durch seinen Abfluss, den Blauen Nil. (Streber-Info: Wenn sich der Blaue Nil aus Äthiopien und der Weiße Nil aus den Bergen Burundis und Ruandas im Sudan vereinigen, wird daraus der Nil, den wir alle kennen und der in Ägypten ins Mittelmeer fließt.)

Solomon, der Macher bei uns im Hotel bietet uns, geschäftstüchtig wie er ist, sofort eine Tour zu den Nilfällen und eine Bootstour auf dem Tanasee an, aber wir wollen ja immer alles selber machen. Also gehen wir zum Busbahnhof um die Ecke, um uns darum zu kümmern und wie es halt immer so ist, sind wir als Weiße leicht zu orten und schon haben wir einen neuen Freund, der uns „helfen“ möchte. Wir erfahren, dass die Busse zum Wasserfall beim neuen Busbahnhof am Cow Market abfahren und so lieb wie er ist, organisiert er uns auch noch ein Tuktuk um einen local price, das uns hinbringt.

Den Ticketschalter muss man sich vorstellen wie eine breite Hütte mit fünf nebeneinander liegenden vergitterten Gefängnisfenstern mit jeweils vier, fünf Ticketverkäufern dahinter, die von dort aus auf die Straße bzw. auf Ankommende wie uns hinbrüllen, sich dabei gegenseitig überschreien, wohin das Ticket geht, das sie verkaufen wollen und das wir kaufen sollen! LAUT und chaotisch!! Dann ist der Tuktukfahrer wiederum so freundlich und fragt für uns nach dem Ticket zum Blauen Nil Wasserfall „Tisissat“, um uns dann zu sagen, dass der einzige Bus dahin schon um 7 in der Früh gefahren ist. Daraufhin geh ich auch hin und frag nochmal nach: Bus to Tisissat? Tisisssat? – „No. Only one bus in the morning. Next one at 4pm.“  (Ja, unsere Englischkenntnisse sind auf der Reise etwas verkommen!) Blöd. Der Tag ist dann gelaufen. Der Tuktukfahrer bringt uns dann wieder zurück zum Hotel, wo man uns nochmal versichert, dass jede Stunde Busse zum Tisissat fahren! WHAT!? Den Local Price von 30 Birr zum Busbahnhof haben wir dann natürlich 2x bezahlt, hin und zurück. Im Nachhinein ist er eigentlich nur 10 Birr 😉 Und die Ticketverkäufer haben auch mitgeschnitten bei diesem Geschäft… Ganz normal eben.

Blick von unserer Lieblingspizzeria auf die palmengesäumte Straße (manchmal braucht man eben eine Injera-Pause!)

Nächster Tag – nächster Versuch: Wieder treffen wir einen neuen Freund, der an der Kreuzung auf potentielle Opfer wartet. Wie eh jeder, hat auch er natürlich eine Schwester/Cousine/o.ä, die in Deutschland studiert etc. und versucht, uns mit seinen Geschichten einzuwickeln. Der fährt mit uns zum Cow-Market, wo es plötzlich Tickets gibt, nach 7 Uhr morgens, und er versichert uns, dass wir gleich ein Hin- und Retourticket kaufen sollten, da es beim Startpunkt zum Wasserfall keine Ticketverkaufsstelle gebe. „Das glaub ich nicht!“ „Das glaub ich auch nicht, normal kann man im Bus doch auch Tickets kaufen.“ Schlussendlich denken wir uns, was ist, wenn es doch stimmt? Dann ist es gut, wieder gemütlich zurückzukommen und falls er uns aber doch übers Ohr gehauen hat, dann haben wir umgerechnet halt zwei statt einen Euro bezahlt, das können wir ja noch verkraften.

Wir wimmeln dort alle potentiellen Guides ab und folgen einfach den vielen einheimischen Besuchern, die einen Sonntagsausflug in ihren strahlendweißen Gewändern machen. Die kurze Wanderung ist sehr schön, schon von Weitem sehen wir unser Ziel und der 42m hohe Wasserfall Tisissat macht seinem Namen alle Ehre: „Wasser, das raucht“. Alle, die sich in seine Nähe gewagt haben, kommen klatschnass wieder zurück 😉

Kinder versuchen immer wieder, uns um ein paar Birr anzubetteln oder uns Armbänder, Taschen oder Instrumente zu verkaufen und haben dafür auch das nötige Vokabular auf Englisch auf Lager. „You buy!“ – kurz und bündig 😉  Dass man als Dank angeblich mit Steinen beworfen wird, wenn man ihnen nichts gibt/abkauft, haben wir nicht erlebt – Glück gehabt!

Das Wasser ist heute braun statt weiß, weil es in den Bergen ordentlich geregnet hat und deswegen viel Schwebmaterial aus den Böden mitgeschwemmt worden ist. Das äthiopische Wort für Blau kann auch mit „dunkel“ übersetzt werden, das passt dann schon besser zur Wasserfarbe!

Während der Regenzeit ist Tisissat 400m breit und somit der zweitgrößte Wasserfall Afrikas, nach den Victoria Falls. In der Trockenzeit führt er heute nur noch 10% seines originalen Volumens, unter anderem wegen zwei großen Wasserkraftwerken. Wir durften ihn zu Beginn der Regenzeit immerhin mit 20-30% bestaunen.

Auf dem Weg zurück steht eine kleine Hütte im Schatten eines Baumes und eine Frau verkauft Tee. Da schlagen wir jetzt zu, ist eh die Mama der Kinder von vorhin, dann haben sie doch noch was von uns. Drei kleine Mädchen schwänzeln um uns herum. Weil sie so süß sind, fragen wir, ob wir ein Erinnerungsfoto von ihnen machen dürfen und sofort posen die drei wie wahre Models! Das war nicht ihr erstes Foto! „Give me money!“, folgt dann erwartungsgemäß sofort. Ja ok, das hätten wir uns natürlich denken können und geben jedem Mädchen ein paar Birr. „No! No! This is small money! Delete!“, rufen sie ganz echauffiert und verlangen Scheine. Das business hier ist also nicht der Tee, stellen wir fest und gehen zurück.

…Und? Hat sie schlussendlich gestimmt, die Ticketgeschichte unseres neuen Freundes? Natürlich nicht! 😀 Wie kaufen also vor Ort im Bus ein Retour-Ticket… Ganz normal eben.

Bei Solomon im Hotel buchen wir dann für den nächsten Tag eine Bootstour zu den runden Klöstern auf den Inseln im Tanasee und zum Rand des Abflusses des Blauen Nil, wo man auch Nilpferde sehen kann. Tour bedeutet für uns: Alles inklusive. Was wir unterwegs erfahren: Tour bedeutet für Solomon: die Eintrittsgelder sind nicht dabei, der Guide ist nicht dabei und eigentlich ist eh gar nix dabei, nur der Transport… Ganz normal eben.

Die runden christlich-orthodoxen Klöster aus dem 14. Jahrhundert bestehen aus einem Außenkreis und einem Innenkreis, auf dessen Wänden Bibelstellen gemalt und so auch jenen, die nicht lesen können, verständlich gemacht wurden. Die dicken Wände aus Erde und Kuhdung sind mit Holzbalken gestärkt.

Das ganze Neue Testament ist in den Klöstern abgebildet, besonders beliebt ist Saint George, der Drachentöter, nach dem auch ein gutes äthiopisches Bier benannt ist!

Unser Guide erklärt uns, dass Trommeln und das Neue Testament gut zusammenpassen!

Pelikane, Adler und Nilpferde im Nil 🙂

 

Erstes Fazit: Es wird einem bei jeder Gelegenheit ein bisschen Geld aus der Tasche gezogen, aber es handelt sich dabei immer nur um Kleinstbeträge von 1 bis 2 Euro. Und auch wenn wir uns jedes einzelne Mal ein bisschen darüber geärgert haben, weil die Leute auf freundlich tun und es dann doch immer gleich endet, tut es uns ja nicht wirklich weh und man muss sich ehrlich fragen: Würden wir nicht das gleiche tun, wenn die Situation umgekehrt wäre? ……

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Wie es in Äthiopien weitergeht, und dass das wahre Abenteuer erst später beginnt, erfährt ihr im nächsten Teil, dann geht’s um die ehemalige Kaiserstadt Gonder und die so abenteuerlichen Simien Mountains.  Dann fehlt nur noch Teil 3 und die unglaubliche Danakil-Senke, den heißesten Ort der Welt, und die sagenumwobenen Felsenkirchen von Lalibela…

 

Antje und Stephan

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