Volcán Tunupa und das Dorf der Gastfeindschaft

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Bloß nicht von den normalen Touri-Wegen abweichen!

Es folgen zwar noch ein paar Berichte aus Bolivien, aber nachdem wir Peru nun bereits im Eilgalopp durchkreuzt haben und vor extremer Reizüberflutung zum Chillen ans Meer in Ecuador geflüchtet sind, müssen wir nun ein paar Dinge über Bolivien loswerden: So traumhaft und vielseitig dieses von seinen Nachbarländern eingekreiste und geschröpfte Land landschaftlich wie kulturell auch sein mag –  oft hatten wir hier das Gefühl, auf unseren (gut versteckten) Geldbeutel reduziert zu werden. Es mag an der dramatischen kolonialen Vergangenheit liegen, dass die Einheimischen hier gegenüber Fremden misstrauisch auftreten, aber als Reisender strengt es trotzdem ein wenig an, wenn man immer wieder mit falschen Informationen (teilweise aus Unwissenheit), Tricksereien und auch Griesgrämigkeit konfrontiert wird und ständig Acht darauf geben muss, nicht übers Ohr gehauen zu werden. (Anm. von Antje: Träum weiter, fast überall wird man übers Ohr gehaut!)

Ein Paradebeispiel dafür war der Abstecher zum abgelegenen Cerro Tunupa, am anderen Ende der Salzpfanne, gegenüber von Uyuni gelegen. Für alle, die einen unvergesslichen Sonnenuntergang hoch über dem Salar erleben wollen, ist dieser markante erloschene 5432h hohe Vulkan die beste Adresse. Das „Hinkommen“ und noch mehr das „Hochkommen“ sind dabei leider das Problem! Deshalb trifft man hier auch kaum Touristen an, die brettern lieber scharenweise quer über den Salzsee. Wir aber wollten uns das Spektakel nicht entgehen lassen… also rein in die Agencys in Uyuni und nach einem One-way-Transport fragen. Nur Transport – sonst nix!

Nochmal zur Erinnerung… im Hintergrund steht er, der Vulkan:

Und schon begann wieder einmal die bolivianische Challenge „finde einen Weg und schau, dass du danach noch dein letztes Hemd besitzt“. Mit sich handeln lassen die Bolivianos übrigens nicht. Rückblick: Der erste, mit dem wir entspannt verhandeln wollten in diesem Land, war ein Taxifahrer bei der Einreise, der uns gerne durch halb Bolivien gefahren hätte. Ergebnis: Taxifahrer ist nach unserem  vorsichtigen Verhandlungsversuch beleidigt, lässt uns stehen und fährt einfach davon. Ein anderer Versuch zu handeln endete beinahe in Tränen (nicht unsererseits). „Nimm es, oder lass es“, lautet hier das Motto. Die genannten (Fix-)Preise sind dabei größtenteils so utopisch, dass man am Verstand oder zumindest am unternehmerischen Geschick der Bolivianos zweifeln muss! Aber gut, sie probieren’s halt!

Nachdem uns in den ersten Agenturen Preise für die zweistündige Fahrt zum Berg genannt wurden, die dem Flugpreis zum Mond entsprachen, saßen wir irgendwann zusammen mit drei brasilianischen Salzsee-Tagestouristen im Jeep und wurden über einen kleinen Umweg Richtung Tunupa gekarrt. Die Brasilianer waren vom Naturwunder „Salar de Uyuni“ so fasziniert, dass sie gleich mal ein Nickerchen machen mussten (eigentlich beinahe die gesamte Fahrt über). War sicher hart, die Nacht davor?! Ist ja eh bloß ganz viel Salz… gibt’s im Winter zum Streuen auch bei uns! Gute Nacht!

 

Wir jedenfalls staunen zum zweiten Mal Bauklötze und kommen nach weniger als zwei Stunden Fahrt in Coquesa, am Fuße des Berges an (zum Mond dauert’s etwas länger, kostet aber wie gesagt das gleiche, wenn man weniger Geduld aufbringt beim Suchen).

Das, was da im Bild aussieht wie ein Klohäuschen, ist die Touristeninformation von Coquesa. Wir gehen rein, um nach dem Weg auf den Berg zu fragen. 

„Der Tunupa darf nur mit einheimischem Guide bestiegen werden“, hören wir vom Mann im Ranger-Dress. Antje und ich schauen uns an und verziehen die Augenbrauen. „Den bestens markierten Trampelweg zur Spitze kommen wir noch in 50 Jahren mit Rollator hoch… da brauchen wir sicher keinen Guide“, antworten wir leicht irritiert. In einer Stunde könne man uns jemanden zur Seite stellen, sagt der Ranger. Kostenpunkt: 560 Bolivianos (!!!). Muss man sich mal vorstellen! Wir sollen umgerechnet 70 € dafür zahlen, dass irgendein Dorfbewohner („Guide“) ein paar Meter vor uns den Wanderweg hochläuft?? Wir sind sauer und lassen es uns auch anmerken… und plötzlich: „Okay dann zahlen Sie eben nur den Eintritt (30 Bolivianos) und gehen eigenverantwortlich auf den Berg!“. Oh danke! Ganz schön günstig, wenn ich bloß die Verantwortung für mich selber trage. Nehmen wir! Warum nicht gleich?!

Uns wird noch ein völlig überteuertes Zimmer zugeteilt, wie sich später herausstellt, kostet die warme Dusche extra, und endlich laufen wir gegen 13 Uhr los – leider mittlerweile zu spät.

Starthöhe ca. 3750m, höchster erwanderbarer Punkt: 5200m – macht also mehr als 1400 Höhenmeter und die Sonne geht um 18:30 Uhr unter. Mal schauen, wie weit wir kommen.

Bizarre Steinmauern schmücken die steilsten Hänge. Dazwischen Quinoafelder und Lamaherden.

Der bunte Kegel im Bild oben: Der Traum eines jeden Schottermasochisten! Zwei Schritte hoch steigen – drei zurück rutschen. Herrlich! Vor allem, wenn man eh schon viel zu schnell hochgerannt ist und sich auf 4500m Höhe befindet. Antje gibt sich die Kugel!

Wenn’s nach vorne wenig Spaß macht, schaut man umso lieber zurück – erst Recht bei dem Ausblick auf die unendliche Salzwüste! 

Im Bild oben sieht man Tahua, 8km von Coquesa entfernt – dazu später noch mehr.

Sind zwar alles bloß Zahlen, aber Antje quält sich noch auf 4817m Höhe den Schotteralptraum hoch, bevor wir auch aus Zeitnot umkehren – 7 Meter höher als der Montblanc und ihr neuer persönlicher Rekord 😉

Runter macht Schotter richtig Laune und weil wir auf den Gipfel verzichtet haben, brauchen wir uns auch zurück nicht abhetzen.

Kopflampen sei Dank kommen wir gegen 19:30 Uhr wieder in Coquesa an.

Am nächsten Morgen wollen wir unsere Reise nach La Paz fortsetzen. Blöderweise befinden wir uns im Niemandsland und Busse nach Uyuni fahren nur einmal pro Woche und das war gestern. Einzige Möglichkeit – der Bus von Tahua nach Oruro (liegt auf dem Weg nach La Paz). Nach Tahua sind’s eigentlich bloß 8km. Trampen? Einen netten Einwohner nach einer 12-minütigen Fahrt mit dem Privatauto fragen? Beides denkbar, aber in Coquesa leider unmöglich… es sei denn, man zahlt 100 Bolivianos! Unverhandelbar versteht sich! Das war nämlich der Preis, den uns der Mann mit dem angeblich einzigen Auto im Dorf genannt hat, während er wieder dieses „Friss, oder stirb“-Gesicht aufgesetzt hat, das uns mittlerweile schon ziemlich auf den Keks ging! So viel zahlt man übrigens für die 10-stündige Busfahrt nach La Paz!

Keinen Cent sollte er von uns bekommen, denn die 8km liefen wir samt vollem Gepäck + ausreichend Wasser. Mehr als 30 kg bei mir und über 20 kg bei Antje. A propos trampen… ungefähr bei Kilometer 6 von 8 kam tatsächlich ein großer Jeep Richtung Tahua gefahren. Anstatt anzuhalten und uns mitzunehmen, hupte er und schnitt Grimassen. Danke Coquesa… du bist echt das hinterletzte Kaff Boliviens!

Ein paar Kekse wären nach dem Marsch genau das richtige gewesen – die typisch bolivianische Business Lady im Bild unten wollte dafür nur leider so viel, wie für ein Silbertablett voller Kaviar-Lachsbrötchen. Na gut – sie scheint ja scheinbar genug zu verkaufen hier im Niemandsland. Also keine Kekse!

Halb querschnittsgelähmt in Tahua angekommen, trafen wir tatsächlich den Bus nach Oruro an. Leider mit platten Reifen. Dem netten Busfahrer halfen wir gerne und gratis! So geht’s nämlich auch!

In diesem Sinne – Aufruf an alle, die jemals mal vorhaben sollten zum Tunupa zu gehen: Tut es nicht!! Und wenn doch, denn er ist es eigentlich wert, nehmt säckeweise Geld mit 😉


Schöne Grüße aus Montanita, dem coolsten Surfspot Ecuadors! Morgen hat Antje ihre erste Surf-Einheit. Voller Panik saugt sie seit zwei Stunden schweißgebadet an ihren Mut-Cocktails: Arznei gegen Angst vor Haien, Angst vor Erfrierungen (zu wenig Sonne), Angst vor Sonnenbrand (zu viel Sonne), Angst vor Big-Waves, Angst vor Schürfwunden am Bauch und Angst vor krassen Wipe-Outs (Waschmaschinenfeeling in der Welle). Auf weitere Ängste soll hier nicht näher eingegangen werden… wie z.B. ausgeleierter Bikini, etc.^^

Special Greetings an TIBI, der uns auf unserer Reise besucht hat und mit dem wir unglaublich intensive Bergsteigerwochen quer durch Peru erlebt haben! 

PS: Bau keinen Mist im Huayhuash! 😉

Antje & Stephan

 

2 Gedanken zu „Volcán Tunupa und das Dorf der Gastfeindschaft

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