La Paz – Stadt im Himmel

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Heimliche Hauptstadt Boliviens

La Paz liegt in einem Talkessel, unterhalb des höchstgelegenen internationalen Flughafens der Welt, deshalb haut es uns gleich um, als wir von Oruro kommend mit dem Bus von oben hineinfahren, der Blick… Wahnsinn! Die schier endlose Stadt liegt uns zu Füßen, jeder Quadratzentimeter ist verbaut, soweit das Auge reicht. Am Horizont  gletscherbedeckte Riesengipfel, die in den Himmel ragen. Sonnenschein und 13 Grad. Voll okay für eine der höchstgelegenen Großstädte der Welt. Antje zieht sich trotzdem vorm Aussteigen die Wintersachen an.

 
Mit unseren vier Rucksäcken holen wir uns lieber vom Busbahnhof ein Taxi zum Appartement, geschleppt haben wir ja schon genug (Tunupaterror). Wir fragen noch schnell eine Bolivianerin, was ein Taxi von hier ins Zentrum kostet, damit wir einen Anhaltspunkt haben, denn das Lebensziel der Taxifaher ist es, Touristen abzuzocken! Alles innerhalb des Zentrums: 10 – max. 15 Bolivianos. …Taxifahrer: „25Bs!“ Wir: „10 Bs!“ Taxifahrer: „Ok, machen wir 15!“ Wir willigen ein und freuen uns, dass er nicht beleidigt weggefahren ist 😉 Unser Appartement liegt eigentlich bloß 1,2km entfernt, aber das Wettrennen mit den langsamsten Fußgängern verlieren wir trotzdem, dank des undurchdringlichen Verkehrs mit Dauergehupe.

Das Appartement ist super – mit Küche, warmer Dusche und zu Antjes größter Freude: Einem Föhn 🙂 Nebenan ist auch ein Supermarkt, das heißt, endlich können wir selber kochen und Geld sparen -> es sollte sich herausstellen, dass das Selberkochen deutlich teurer ist, als ein typisch bolivianisches Sparmenü (Suppe & Hauptspeise & manchmal sogar Nachspeise). Wenn man’s schafft, sich nicht abzocken zu lassen, ist Bolivien nämlich tatsächlich eines der günstigsten Länder Südamerikas! Wirklich! Komplettes Mittagsmenü bestehend aus Suppe, Hauptgang mit Reis, Fleisch und Salat oder Kochbananen: Umgerechnet 1,50€ – unschlagbar und echt lecker! Unsere Lieblingsbeschäftigung in La Paz: Essen!

 

 

Gleich am ersten Tag – Antje und ich wollten ins Museum – geschlossen. Komische Öffnungszeiten. Alternativprogramm: Essen! Zu spät aufgestanden für den Tagesausflug? Lösung: Erst mal essen.

Stammlokal für die ganzen Futter-Orgien: Das Cafe del Mundo im Zentrum. Ein Tipp von Jochen vom Uyunitripp. Auf den ersten Blick war es uns etwas zu wenig abgeranzt mit den schönen weißen Möbeln, doch bei jedem Besuch hat uns das chillige, etwas verbaute Lokal mit phantastischer internationaler Küche und südamerikanischem Gebräu aus Koka und Quinoa immer mehr überzeugt, bis es zu unserem Stammlokal wurde.

Das Kokabier (rechts im Bild) schäumte im Mund so arg auf, dass es zur Nase beinahe schon wieder herauskam – nur für Prosecco-Liebhaber geeignet. Das Quinoabier hingegen – absolut trinkbar!

Bestens gestärkt widmen wir uns jetzt dem Sightseeing-Programm. Der Stolz der Politiker des Landes ist der „Teleferico“, das Prestigeprojekt und längste zusammenhängende Gondel-System der Welt von … tadaaaaaaa: Doppelmayr – österreichische Ingenieurskunst vom Feinsten! 🙂 Läuft einwandfrei, der Lift, und wird sage und schreibe kaum genutzt. Als Metro-Ersatz gedacht, denn eine solche gibt es in La Paz leider nicht, scheitert es an den großen Distanzen zwischen den Stationen, was sich an der spärlichen Auslastung  von knapp 30% zeigt. Trotzdem wird der Gondelverbund mit mehr und mehr Linien ausgebaut. Die Touristen und Politiker freut’s, den Einheimischen kostet’s bloß Steuern. Die drei Bolivianos pro Fahrt machen die Gondelfahrt jedermann zugänglich, sie tragen die Kosten jedoch nicht einmal im Ansatz. Super Projekt! 

Man fühlt sich fast wie im Skiurlaub: Alles grün um einen herum, 10 Grad Außentemperatur, fehlt nur das Board unterm Arm und der Kunstschneematsch unter den Füßen.

Einmal mit der gelben Gondel auf die Kesselwand hinaufgeschwebt, genießen wir die beste Aussicht auf die Stadt und das Umland.

Das Fußballstadion im Bild oben – der Ort an dem regelmäßig Favoriten wie Brasilien oder Argentinien ihr blaues Wunder erleben, weil sie mangels Sauerstoff keinen Meter mehr laufen können. 😉

Zu diesem Zeitpunkt blicken wir erwartungsvoll zum Huayna Potosi im Hintergrund, den wir zwei Tage nach dieser Aufnahme erklimmen werden!!!

Nicht nur wegen Nonsense-Projekten, wie dem Teleferico, sondern auch wegen der generell schlechten Wirtschaftslage des Landes stehen lange nicht mehr alle Bolivianos hinter dem ersten Präsidenten indigener Abstammung, Evo Morales. Man sagt ihm sogar nach, dass er sich durch die Förderung  der Koka-Produktion bzw. der Ausweitung der Anbauflächen selbst enorm bereichert. Deshalb stehen landesweit ständig Demos, Proteste und Ausschreitungen an der Tagesordnung. Meistens verlaufen diese friedlich, wie dieser Sitzstreik von Frauen des Aymara-Volkes: 

Am aggressivsten fallen die Übergriffe auf die Staatsgewalt aus, wenn die Minenarbeiter „Mineros“ unzufrieden sind: Da explodiert schon die eine oder andere Dynamitstange, doch die Polizei hält dagegen:

Davon abgesehen haben wir uns in La Paz immer sicher gefühlt. Tagsüber gleicht die Stadt einem überdimensionalen Ameisenhaufen. Ein einziges, schier undurchdringliches Gewusel. Verstopfte Straßen und Bürgersteige. Da ist Stuttgart selbst beim größten Feinstaubalarm eine Wellnessoase dagegen. Laut, dreckig und anstrengend, aber irgendwie auch interessant, weil ungewohnt … mit einem gewissen Charme. Erst Recht an diesem einen Sonntag im Jahr, den wir ganz zufällig miterleben durften. Denn nur an einem Tag im Jahr wird die gesamte Metropole zur autofreien Zone erklärt! Mehr Kontrast geht nicht, die Straße – eine einzige Partymeile. Die Leute packen ihre Fahrräder, Rollerblades und Skateboards aus, oder spielen Fußball auf der Straße. Man atmet frische Bergluft statt Kohlenmonoxid. Anstelle des Straßenlärms – Partymusik. Fast gespenstig war’s aus dem Appartement auf die Straße zu treten und nicht an Abgasen zu ersticken und beinahe über den Haufen gefahren zu werden… wie im Film „28 Days later“… nur ohne Zombies.

Normale Straßensituation:

Geisterstadt für einen Tag im Jahr (beim Betrachten des Bildes eine zirpende Grille im Hintergrund vorstellen):

Aber selbst mit dem irren Verkehr macht La Paz Laune und hat einiges zu bieten.

Schachorgien:

Die obligatorische Kathedrale (Iglesia San Francisco):

Jetzt wissen wir auch, wo sich Thomas Anders „El Rey del Euro-Popo“ verkrochen hat: 😀

Wer sich gerne von Tauben ansch… lassen will, ist hier auch richtig. Big Business ist Vogelfutter verkaufen – Die Vögel werden hier mit Futter auf Haupt und Schultern gelockt und auf Selfies für die Ewigkeit festgehalten:

Coole Graffiti-Streetart:

Die traditionelle Aymara-Oma mit Inka-Kopfhörern im Bild oben fügt sich perfekt in die Szene ein!

Im Bild unten: Die Sagarnaga-Street, hier gibt’s alles für Möchtegern-Inkas. Sehr beliebt: Das Alpaka-Starter-Kit für Touris, wie Tibi es so treffend genannt hat. Der Einsteiger-Inka von heute trägt Alpaka-Pulli (wahlweise Poncho) mit Lama-Muster und Inka-Sonnen, hoch geschnittene Socken (gleicher Stoff, gleiches Muster, gleicher Style), Inka-Haube (österr. für Mütze), Inka-Allwetter-Handschuhe und natürlich die obligatorische Inka-Handtasche bzw. Beutel. Dazu gibt’s Kühlschrankmagnete, Kokablätter, Kokatee, Kokabonbons, Schnitzereien und Schmuck.

Unten im Bild eine typische Aymara-Frau in ihrem feinsten Sonntagsgewand. Zu erkennen am traditionellen Hut, zwei langen, am Ende zusammengebundenen kohlrabenschwarzen Zöpfen (hier leider versteckt) und der auffällig kleinen Körpergröße -> siehe meine linke Schulter rechts im Bild. Info am Rande: Antje hat von Aymara-Frauen ungefähr so viele Bilder geschossen, wie ich von Landschaften!

Auch einen Halbtagesausflug wert ist das bizarre Valle de la Luna (dt. Tal des Mondes):

Anfahrt, typisch südamerikanisch, per Collectivo-Minibus.

Wir waren mit Abstechern ins Gebirge (Huayna Potosi) und in den Dschungel (Death-Road und Rurrenabaque – Berichte folgen als nächstes 😉 ) insgesamt eine Woche lang in La Paz – länger als gedacht, aber zum Ausspannen, Entdecken und Kraft tanken (gut Essen & Trinken) war die Zeit in der Stadt genau das richtige nach all den Abenteuern!

Zum Abschied aus La Paz, auf dem Weg zum Titicacasee, zeigte sich die Stadt noch einmal von ihrer spektakulärsten Seite. Ein letzter Blick aus dem Bus, ein letzter Schnappschuss:


A propos entspannen und essen… genau das war auch unser Tagesprogramm in Montanita, Ecuador, knapp eine Woche lang 😉

Aber nun geht es weiter nach Quito, der nächsten Hauptstadt unserer langen Reise. Also wieder hoch in die Anden, zwischen gletscherbedeckte Vulkangipfel, raus aus der Moskitozone – rein in die Kälte 😉

Schöne Grüße

Antje & Stephan

 

2 Gedanken zu „La Paz – Stadt im Himmel

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