Zucker & Silber

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Über die Hauptstadt (Sucre) zum Menschenfresser-Berg in Potosí

An alle Lesefaulen: ACHTUNG – viel Text!!! Dafür aber auch ein Actionvideo 😉

Voll auf die Berge fixiert, war Santa Cruz de la Sierra für uns das Tor zu den Anden. Blöd nur, dass wir später erst erfahren sollten, welch tolle Sehenswürdigkeiten (Ruinenstädte & Nationalparks) die Umgebung zu bieten hat. Aber sei’s drum 😉

Wir liegen also faul in unserem Luxus-Hostel in Santa Cruz rum, nach der ersten Höllenbusfahrt in Erwartung der zweiten, denn auch die Weiterreise nach Sucre wird eine lange Busfahrt über Nacht. 14-18h heißt es. So ganz genau wissen das die Bolivianos nie… und wenn man’s doch genau wissen will, setzen sie meist viel zu weit unten an bei Zeitangaben. Doch zu dieser Busfahrt wird es nie kommen. Schuld daran ist Andre aus der Schweiz. Andre nimmt, wenn er kann, nämlich lieber den Flieger anstelle der Rumpelbusse.

Wir checken die Preise und stellen fest: 40€ für 40min Flug, statt 15€ für 15h Bus. Klarer Fall!!! Ab zum Flughafen! Megaspontan und superschnell stehen wir plötzlich in Sucre. Danke, Andre!

Bild unten: Tschüss Bus… schaut, wie er mit Schrittgeschwindigkeit die Serpentinen nicht hochkommt, 2000m unter uns! Man sieht sich morgen Abend in Sucre… vielleicht!

Nachtrag: Die Busse werden sich zu einem späteren Zeitpunkt für diese Frechheit noch bitter an uns rächen. :-/

Insgesamt drei Tage lang bleiben wir in der Hauptstadt, mit ihren altkolonialen, strahlend weißen Bauten und der angenehmen und sicheren Atmosphäre. In Sucre lernen wir übrigens, dass jedes Fleisch vom Lama stammt und jeder Stoff handgewebt ist („Best Quality! All Alpaka! Si, si!!!“). Beides stimmt natürlich nicht! 😉

Vor unserem Besuch in Sucre dachten wir eigentlich immer, La Paz sei die Hauptstadt Bolivien. Stimmt aber nicht ganz. La Paz ist zwar der Regierungssitz (und zwar der höchstgelegene der Welt), aber seitdem in Sucre 1825 die Unabhängigkeit gegenüber Spanien ausgerufen wurde, ist die Stadt die konstitutionelle Hauptstadt des Landes.

Wie Rom ist auch Sucre auf sieben Hügeln erbaut worden. Die Stadt ist geprägt von weißen Häusern, grünen Parkanlagen, engen, malerischen Gassen und vielen religiösen Bauten aus der Kolonialzeit. Die Altstadt gehört nicht ohne Grund seit 1991 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der Name Sucre geht nicht auf Zuckerhandel zurück, sondern auf den venezualischen Freiheitskämpfer Antonio Jose de Sucre.

Bild unten: Normale südamerikanische Verkehrssituation

Langsam an die Höhe gewöhnen, lautet das Motto. Sucre liegt auf 2808m, Potosi bereits auf 4067m. Die Luft wird immer dünner, die Duschen immer kälter (Antje schätzt: -10°C). Damit wird mir immerhin der (hundsmiserable) Kaffee zum Aufwachen erspart.

Wieder per Bus schrauben wir uns in vier Stunden weiter hoch, Richtung Altiplano, zur traditionsreichen Minenstadt Potosi, zu Füßen des Cerro Rico, dem Berg aus Silber. Die Geschichte dieses Berges reicht mehr als 500 Jahre, bis in die Inkazeit, zurück. Kaum hatten die spanischen Conquistadores vom Silber-Reichtum Wind bekommen, begannen die düsteren Jahre am Cerro Rico. Von unfassbaren acht Millionen toter Sklaven ist die Rede, die sich in den Minen, auf bis zu 4800m Höhe, bei katastrophalsten Bedingungen zu Tode arbeiten mussten. Darunter waren nicht nur indigene, sondern auch viele afrikanische Sklaven, die mit den klimatischen Bedingungen und der Enge überhaupt nicht zurecht kamen.

Mit seinem Reichtum an Silber (45.ooo Tonnen reines Silber wurden 1556 bis 1783 abgebaut!) zog der Berg massenhaft Menschen an, sodass die Minenstadt  Mitte des 16. Jahrhunderts mit 140.000 Einwohnern die größte Stadt der Welt war. Dieser eine Berg finanzierte mit seinen Unmengen an Edelmetall das gesamte spanische Kolonial-Imperium! Da stellt sich die Frage: Wie wäre die Geschichte Spaniens und vor allem Südamerikas ohne dieses silberne El Dorado wohl verlaufen? 

Heute zählt Potosí mit 175.000 Einwohnern zu den höchstgelegenen Großstädten der Welt und der Cerro Rico ist ein nationales Denkmal, das besichtigt werden kann. Es schürfen noch immer rund 15.000 Mineros, davon ca. 10% Minderjährige und Kinder in unzähligen Minen der über 100 Cooperationes. Es gibt kaum Alternativen für die jungen Einheimischen. Also unter die Erde! Abgebaut werden in den unteren Stockwerken des Berges heute hauptsächlich Zink, Zinn und Kupfer… noch immer unter schlimmsten Bedingungen. Viele leiden unter sogenannten Staublungen, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei unvorstellbaren 40 Jahren.

Wir haben uns lange überlegt, an einer der Minenführungen (im laufenden Betrieb) teilzunehmen. Hat irgendwie was von zur-Schau-Stellung. Erst als uns Marco in der Touisteninformation in Sucre (guter Laden: SoySucre) diese Bedenken nehmen konnte und uns den Privat-Guide Jhonny von Joko & Klaas (HIER deren Video) vermittelte, ließen wir uns überzeugen.

Die meisten Guides haben selbst einmal geschürft und sind somit von den Mineros akzeptiert. Jhonny hat nur zwei Jahre dort gearbeitet und ist einer der wenigen, die es geschafft haben, doch eine Alternative zu finden und vom Tourismus zu leben. 

Also ab zu Jhonny nach Hause und erst einmal Minen-Sicherheitskleidung- und Ausrüstung anlegen…

… und auf dem Weg zum Berg am Mercado de Mineros vorbei schauen. Hier lernten wir auch gleich das erste und leider einzige Wort auf Quechua: „Imanallya“ – Hallo! Es war und ist für uns hier in Lateinamerika immer noch schade, dass wir uns nur sehr begrenzt mit den Einheimischen unterhalten können. Daher war es umso wichtiger, mit netten Gesten, wie kleinen, typischen Geschenken für die Arbeiter zumindest auf diese Weise in Kontakt treten zu können. 

„Koka, Kippen, Alcohol y Dynamite, por favor“

Das war unsere Bestellung! Ohne Quatsch! Eine Art Wundertüte für die Mineros, wie uns empfohlen wurde. Na gut!! Also her mit dem Zeugs! „Kann das Dynamit denn nicht spontan bei Erschütterung in die Luft gehen?“ frag ich Jhonny, der mir daraufhin die Stange Sprengstoff vor die Füße wirft und lacht. Ah jach! Also nicht?!? Gut! Weitermachen!

Gleich nach dem Dynamit-Shopping wurd’s ernst. Auf zu den Minen. In Bildmitte – der Cerro Rico:

Zündschnur anzünden und losrennen:

Nein… Scherz…

… die Wahrheit ist, wir haben den Berg in einer ruhigen Phase erlebt, denn an den folgenden Abenden war eine der größten Fiestas der Region angesagt, zur Huldigung des heiligen San Bartolome. Die meisten Arbeiter waren bereits bei ihren Familien und gesprengt wurde auch nicht mehr. Jhonnys lustige Art und die Tatsache, dass die Minen während unseres Besuchs nicht im Normalbetrieb liefen, machten unsere Erfahrung im Cerro Rico weit weniger bedrückend und schockierend als von anderen Besuchern. Kein starker Hustenreiz durch Staub, keine ohrenbetäubenden Explosionen oder führerlos vorbeirasende Loren, kein Getümmel in der Enge. Wir können uns das beklemmende Gefühl wahrscheinlich nur annähernd vorstellen, wie es sein muss, ein Leben lang zwölf Stunden pro Tag in der Dunkelheit zu schuften.

Wir nähern uns langsamen Schrittes dem Eingang unserer Mine und verteilen auf dem Weg die ersten Geschenke.

Ein letzter Blick zurück…

… und rein ins Labyrinth (die losen Steine sind wie durch ein Wunder so angeordnet, dass alles zusammen hält):

Nur ein paar wenige Bilder aus dem Inneren… den Rest gibt’s im Video unten.

Gut bestückt, der Tío, der Gottteufel der Mineros. Alk, Kippen und Koka mag er auch und soll die Spender beschützen.

Also – gleicher Guide, gleiche Ausrüstung, gleiche Mine, wie bei Joko & Klaas. Okay – unser Video ist zwar weniger professionell, dafür haben wir aber nicht so rumgeheult wie Klaas + Kameramann ;-P

Fazit: Zwei Meter hohe Stapel Schularbeitshefte (Antje), oder stundenlanges Arbeiten mit SAP (Stephan) sehen wir nun in einem anderen Licht.

Auch wenn der Rucksack eh schon viel zu schwer ist, konnte ich es mir nicht verkneifen, ein paar selbst gefundene, funkelnde Stücke mitgehen zu lassen.. 😉

Noch am selben Abend konnten wir die Feierlichkeiten für San Bartolome live miterleben:

Berg heil Potosí – es war eine wirklich eindrückliche Erfahrung für uns. 

Jhonny – viel Spaß mit dem Alk, den Kippen und dem zweiten Kokasack (das hat er nämlich „vergessen“ zu verschenken). Mach dir einen netten Abend, bleib wie du bist und bringe noch vielen Touristen die Geschichte dieser erstaunlichen Stadt näher.


Wir sagen Gutnacht aus Rurrenabaque – muss man googeln… kennt nämlich keine S..! Liegt im Amazonasbecken, am Rande der Anden. Bei 36 °C, Daiquiris, BBQ und Poolgeplantsche machen wir einige Tage Urlaub von der Weltreise 😉

Schwitzige Grüße

Antje & Stephan

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