Im gefährlichsten Land der Welt

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El Salvador

„…ganz schön heißes Pflaster – habt ihr euch über El Salvador mal genauer informiert?“, fragte uns Raimund aus Wien, Monate vor unserer Abreise. Die Antwort lautete schlicht: „Nö!“. Hätten wir das nämlich im Vorfeld getan, würde unser Round-The-World-Ticket einen großen Bogen um dieses Land machen, in dem, wie wir dann erfahren mussten, letztens der erste Tag seit mehreren Jahren gefeiert wurde, an dem es nicht mindestens einen Mord auf offener Straße gab und in dem jährlich ca. 6500 Menschen den Bandenkriegen zum Opfer fallen.

Jetzt aber steht die Buchung und außerdem hört man in Reiseblogs viel Gutes über dieses klitzekleine, von Guatemala und Honduras eingeschlossene Land an der Pazifikküste Zentralamerikas. Den Plan, das Land sofort nach Ankunft per Taxi oder Bus in Richtung Guatemala, unserer nächsten Station, wieder zu verlassen, hatten wir deshalb schnell wieder verworfen und stattdessen einen Aufenthalt von ca. einer Woche anvisiert.

Also Knarre in Kolumbien lassen, denn…

… und auf nach EL SALVADOR!

„What is the purpose of your visit?“, fragt uns der Grenzbeamte am Einreiseschalter am Flughafen mit gerunzelter Stirn. „To make holiday…“, antworten wir und schauen uns an, als wollten wir per Geste noch hinzufügen „…was denn sonst?“. Schon bläst der Beamte die Backen auf und fliegt vor Lachen fast vom Stuhl: „In El Salvador???“. War der gute Mann offensichtlich nicht gewohnt. Lustige Situation irgendwie… gleichzeitig aber auch etwas besorgniserregend. Gut, dass wir uns die Verhaltensregeln im Vorfeld durchgelesen haben: Nachts zu haus bleiben und die Hauptstadt am besten gänzlich meiden. Easy! Warum nicht gleich zum Meer? Geht per Taxi ganz schnell und einfach in einem Land, das flächenmäßig gerade mal so groß ist wie Rheinland-Pfalz oder Niederösterreich.

Nach einer 40-minütigen Fahrt waren wir in El Tunco – dem Surfer-Topspot und touristischen Hotspot, zumindest für El Salvadorianische Verhältnisse.

Warum das so ist, liegt ziemlich sicher daran, dass die Buchten dieses vulkanisch-schwarzen Küstenabschnitts und die ganze ursprüngliche Szenerie der Vorstellung von Traumstränden schon ziemlich nahe kommen! Als Zugabe gab es Sonne satt. Der Wunschbräune kamen wir jedenfalls ein gutes Stück näher.

Dass wir unseren Aufenthalt gleich zweimal verlängerten, lag aber auch am chilligen Hostel und den Leuten, die wir dort kennenlernten.

Bild oben: Allabendliche Balkon-Hängematten-Runde

Bild unten: Kurze Surfaktion mit Leihbrettern, die so viel Auftrieb hatten wie ein Öltanker

Bild oben: nach endloser Suche endlich unsere erste „Coco loco“ – könnte man auch „simpelster Cocktail der Welt“ nennen (Kokusnuss auf, Rum rein – fertig) reimt sich dann aber nicht.

Bild unten: Traditionelle Garküche mit Holzofen – direkt am Strand

Wieder mal ein Ort, an dem man wochenlang abhängen könnte, aber wir wollten noch weiter ins Landesinnere. Also auschecken und mit dem ganzen Gepäck zur einzigen Bushaltestelle des Ortes. „Bus kommt um 13 Uhr…“, hat man uns überzeugend weißgemacht… „…wie jeden Tag!“. Muss ja dann auch stimmen, wäre man nicht immer noch in Lateinamerika. Nach 90 Minuten am Straßenrand fragten wir die gleichen Leute (direkt neben uns) noch einmal. Antwort: „Na der Bus ist schon vor einer Stunde an euch vorbei gefahren!“. Achso!! Super Infos… erst falsch, dann verspätet.

Überzeugendes Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit!

Anderswo macht man mit dieser Fähigkeit Karriere – bei unserer Reise kam dieser absolute Lateinamerika-Klassiker (unangefochten auf Platz 1 der Abnerv-Hitlist) aber eher einer viermonatigen Geduldsprobe gleich. 😉

Also wieder zurück zum Hostel für eine weitere Nacht. Am nächsten Tag klappte unser Vorhaben dann allerdings. Falsche Uhrzeit, falscher Ort am Vortag – wie sich herausstellte.

Ziel der dreistündigen Busfahrt war Santa Ana, im Westen des Landes. Wie nahezu alle Länder Zentralamerikas, liegt El Salvador auf dem pazifischen Feuergürtel, hat also reihenweise schlafende und vor sich hinbrodelnde Vulkane zu bieten. Einer davon heißt Ilamatepec, steht direkt neben der Stadt und kann erklommen werden. Los geht’s!

Bild unten: Typischer zentralamerikanischer Bus „Chicken Bus“ (alte amerikanische Schulbusse)

Erst durch dichten Bergwald, dann hoch den kahlen Kegel. Beim letzten größeren Ausbruch im Jahr 2005 sind hier noch glühende Gesteinsbrocken den Hang runtergesegelt.

Sicherheitshalber nochmal den Schutzhelm festziehen:

Bild oben: Antje und ich am Kraterrand auf 2381m mit dem benachbarten großen Kratersee Coatepeque im Hintergrund

Bild unten: Blick in den großen Krater

Das, was da unten ausschaut wie eine Brokkolisuppe, ist ein brodelnder Säuresee:

Brokkolisuppe hin oder her – wir hatten wieder Hunger! Zum Abendessen gab’s traditionelle Chicharrónes, knusprig gebratene Schweinsschwarten, mit pürierter Yuca (Manioc) – Wurzel:

Abends zurück in Santa Ana in der netten kleinen, weihnachtlich geschmückten Unterkunft (Homestay) von Don Luis:

Luis stach unter allen Gastgebern, die wir bis dahin hatten, nochmal besonders heraus. Die besten Tipps kulinarischerseits und in Sachen Sehenswürdigkeiten hatte er auf Lager, fuhr uns sogar zur Haltestelle und saß an beiden Abenden mit uns zusammen, um uns von der Geschichte und der aktuellen Lage seines Landes zu erzählen.

In El Salvador, vor allem in der Hauptstadt, San Salvador, tobt der Krieg zwischen den Banden der MS-13-Gang (ca. 40000 Mitglieder) und der Barrio-18-Gang (ca. 20000 Mitglieder). Wenn sie sich nicht gegenseitig auf teilweise bestialische Art und Weise aus dem Weg räumen, terrorisieren sie die Bevölkerung. Sie entführen und töten gegen Bares, kontrollieren die Rotlichtviertel und kassieren Schutzgeld. Ursprünglich fand dieser Krieg auf amerikanischem Boden, in Los Angeles, statt. In den 90er-Jahren griff die US-Regierung durch und deportierte kurzerhand alle Mitglieder zurück in ihr Heimatland, aus dem sie damals wegen des Bürgerkrieges geflohen waren.

Die Bevölkerung versucht sich so gut es geht gegen den Terror zu wehren. In Santa Ana, erzählt uns Luis, gelingt dies ganz gut, weil die kleine Stadt noch nicht von innen heraus von den Gangs unterwandert wurde. Die Gangmitglieder selbst sind an ihren Tattoos und dem speziellen Kleidungsstil (MS-13: Blau-weiß, Barrio 18: Blau-schwarz) zu erkennen und auch zu unterscheiden. Traut sich einer der Gangster nach Santa Ana, wird er entweder vertrieben oder von der Polizei ergriffen.

Ziehst du also die falschen Farben an beim Stadtbummel und am besten noch Cortez-Sneaker von Nike, endet dein Urlaub im Leichenschauhaus. Kein Witz! Todernst!!

Beispiele

Schlechte Idee:

Bessere Idee:

Am letzten Tag in El Salvador fuhren wir per Bus zu der ersten aber nicht letzten Maya-Ruinenstätte unserer Zentralamerika-Durchquerung – nach Tazumal. Das Busterminal glich in Sachen Sicherheitsstandard eher einer Bank bei Geldübergabe:

Nach gerade einmal sechs Tagen im gefährlichsten Land der Welt können wir rückblickend nur sagen, dass wir das Land von seiner besten Seite gesehen haben und wir uns zu keiner Zeit unsicher oder unwohl gefühlt haben. Auf den Straßen kamen freundliche Einheimische auf uns zu, fragten uns nach unserem Ziel und halfen uns weiter. Die Küste ist traumhaft, das Hinterland mit seinen Vulkanen, Kaffeeplantagen und Regenwäldern typisch zentralamerikanisch schön.

Alles Gute, El Salvador. Auf dass die Touristenzahlen steigen und die Gewalttaten zurückgehen mögen! Bleibt zu wünschen, dass sich eines Tages kein Grenzbeamter mehr über einreisende Backpacker wundern muss, sondern ihnen stattdessen eine wunderbare Zeit in diesem vielseitigen kleinen Land wünscht.


Für uns ging die Reise entlang des pazifischen Feuerrings weiter mit der Einreise nach Guatemala. Wie feurig der Ring tatsächlich manchmal sein kann, erlebten wir dort hautnah! Der nächste Beitrag wird heiß! 😉

Heiß ist leider auch Antjes momentane Körpertemperatur – Grippealarm in Sydney! 

Grüße aus down under

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