Incredible India – Teil 1 – ein Gastbeitrag von Martin

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Christine, Antje, Stephan und ich in Rajasthan

Der Koffer ist gepackt. Die üblichen Klamotten, Ring Lyoner, Urpils, Maggi, Djion Senf und hartgekochte Ostereier sind dabei. Nein, es geht nicht zu Rock am Ring, sondern zu den Travel Junkies, Antje und Stephan, nach Indien.

Nach etwa 8 Stunden Flug in die sengende Hitze des asiatischen Kontinents (der „dicke Pulli“ lässt grüßen) und ein paar Stunden Warterei am Flughafen von Delhi, findet die Re-Union endlich statt. Standesgemäß werden Stephans Schwester – die grade aus Goa eingeflogen kam – und ich begrüßt: mit Atemmaske. Willkommen in Indien.

30. März – 1. April: Neu Delhi

Schon die erste Taxibestellung lässt erahnen, was in den kommenden Tagen auf mich zukommt. Zum hart gesottenen Verhandlungskünstler sollte ich ausgebildet werden. Die Kunst des Feilschens würde ich in allen Facetten erlernen. Auch seien es bloß 20 Rupien (ca. 25 Cent) – es wird gefeilscht. Wer nicht feilscht, verliert oder wird verwundert angeschaut „Wie, Sie wollen nicht feilschen?“. Ab ins Festpreis-Taxi, für 2 Euro ca. 25km in die Innenstadt. Läuft.

Schon im Stadtkern angekommen, frage ich mich, ob ich nicht doch die Rock-am-Ring-Nummer gebucht hab. Jedenfalls lassen das die Müllberge erahnen. Das Hotel ist jedenfalls sauber. Es arbeiten zwar mehr Leute darin als es Gäste hat, das liegt aber an der Saison, wie man hier eigentlich immer sagt. So hat auch jeder was zu tragen (Rucksack, Kappe, Schlafsack – für jedes Utensil gibt es einen freundlichen Helfer).

Das saarländische Survivalpaket wurde bereits von Stephan in Rekordzeit eingeatmet.

Warmes Urpils schmeckt jedenfalls besser als kaltes Kingfischer (indische Hausmarke). Soll schon was heißen.

Am ersten Abend schauen wir uns Old-Delhi – der Stadtteil, in dem wir residieren – genauer an. Die Hektik der Stadt zieht einen von Anfang an in seinen Bann. Hunderte, nein tausende von Autos, Tuktuks (motorisierte 3-Rad-Rickschas) und Roller bahnen sich ihren Weg durch die mit Müll, Fäkalien, Menschen und Tieren (Hunde, Kühe, Affen) übersäumten Straßen.

Es wuselt, kreuz und quer. Es gibt keine Regeln, der stärkere gewinnt (meist ist das die Kuh). Die „Main Bazar Road“ ist übersäumt von kleinen und großen Geschäften, in denen man von Badeschlappen bis Didgeridoo alles kaufen kann. Eine kleine Roof-Top-Bar am Ende der Straße bietet einen guten Überblick übers Geschehen.

Das Essen ist fantastisch und es gibt kühles Bier in warmen Kaffeebechern (keine Alkohol-Lizenz, also eine Art Tarn-Mechanismus). Im Hotel angekommen, putze ich standesgemäß mit Wasser aus der Plastikflasche meine Zähne: Das Trinkwasser in Delhi ist so dreckig, dass wir es fortan scherzhaft als „Leichenwasser“ bezeichnen, da im heimischen Fluss nicht nur Müll und menschlicher Unrat, sondern auch Tote landen. Mahlzeit.

Am nächsten Tag hat Christine einen Rundgang mit einem ehemaligen Straßenkind – der sich nun mit seiner Organisation für das Wohl selbiger einsetzt – gebucht. Wir werden durch die Gassen Delhis geführt und erfahren sehr viel über das Leben auf der Straße, die Gepflogenheiten der Menschen und über die Hilfsorganisation selbst.

Im Anschluss geht’s mit Taxi und Tuktuk weiter zu den unzähligen Sehenswürdigkeiten Delhis.

Jama Masjid – eine der größten Moscheen der Welt:

Lodhi Garden:

Immer wieder werden wir von Menschen angehalten, Selfis mit ihnen zu machen.

Schnell wird klar, dass man uns entweder mit Bollywoodstars verwechselt oder wir auf Grund unseres exotischen Aussehens einfach nur die Attraktion schlechthin sind. Man sieht aber ohnehin wenig Touristen auf der Straße (die meisten werden im klimatisierten Reisebus von A nach B gefahren). Das Highlight war schließlich als Christine und Antje ein Baby von einem stolzen Familienvater in die Arme gedrückt bekommen: das bringe Glück. Nach nur einem Tag wird bereits klar: die Menschen in Indien sind äußerst friedliebend, freundlich und hilfsbereit. Zu keinem Zeitpunkt sollten wir in 2 Wochen Rundreise ein einziges Mal um unsere Gesundheit oder unser Hab und Gut fürchten.

Am nächsten Tag haben uns unsere deutschen Tugenden dazu veranlasst, rechtzeitig und überpünktlich am Hauptbahnhof in Delhi einzutreffen und dann eine Stunde lang auf den Zug zu warten. Von dort wollen wir den Zug nach Agra nehmen, wo das Taj Mahal in all seiner Prächtigkeit auf uns wartet.

Nachdem wir den Wagen und die gebuchten Sitze ausfindig gemacht haben, staunen wir nicht schlecht, als eine kleine indische Familie darauf munter ihr Curry-Lunchpaket zu sich nimmt. Man futtert erst entspannt zu Ende, bevor man dann irgendwie ein wenig Platz macht. Klischee-echt und wie die Ölsardinen eingepfercht setzt sich das Zug-Monster in Bewegung. Unangenehm ist das „Anstarren“ hier schon, da der Starrende oft genau gegenüber sitzt. Starrt man übrigens zurück, hat das genau gar keinen Effekt. Man verliert immer.

Indisches Zugfahren ist ein absolutes Highlight. Indian Railways ist der mit Abstand größte Arbeitgeber der Welt (1,3 Millionen Menschen). Die tonnenschweren und hunderte Meter langen Züge rollen wie ein Uhrwerk durchs Land. Durch die Gänge laufen Verkäufer, die neben „frischen“ Snacks, Masala-Tee und Erfrischungsgetränken auch Armbänder und Kleidung verkaufen. Die Fahrgäste sind trotz der Hitze und Enge sehr entspannt.

Türen nach außen sind stets geöffnet und nicht selten stolpert man beim Umhergehen über Füße eines schlafenden Inders, die irgendwo herausragen. Es gibt sogar Steckdosen (Hallo, Deutsche Bahn) und selbst in der tiefsten Einöde ist das Internet schneller als bei uns in der Großstadt. Ein Land der Gegensätze.

1. April – 3. April: Agra und Taj Mahal

Angekommen in Agra und nachdem wir wieder unzählige Taxi-Inder und Hotel-Vermittler abgeschüttelt haben, geht’s weiter mit dem Tuktuk zur nächsten Residenz.

Von hier aus holen wir uns ein weiteres Gefährt zum Mehtab Bagh – ein wunderschöner Garten auf der anderen Flussseite des Yamuna, von wo aus man einen herrlichen Blick auf das marmorne Grabmahl hat.

Kaum ist die Sonne verschwunden wird man von der örtlichen Polizei mit Trillerpfeifen verscheucht. Schnell noch ein paar Fotos und wieder zurück zur Stadt. Agra ist im Prinzip ähnlich dreckig wie Delhi, es gibt aber gefühlt noch viel mehr Straßenhunde, denen (leider) niemand mehr Beachtung schenkt. Sie gehören einfach zum Stadtbild, egal wie klein und süß sie auch sind.

Am nächsten Morgen geht’s dank Travel-Nazis (pardon, „Junkies“) um 4 Uhr aus der Koje und ab zum Taj Mahal, wo der Sonnenaufgang wartet. Die Schlange ist schon entsprechend lang, aber wir schaffen es trotzdem rechtzeitig hinein.
Der Anblick des Taj Mahal bei Sonnenaufgang ist so wunderschön, dass es einem die Sprache verschlägt.

Das perfekt symmetrische Marmor-Gebäude wird von der Morgensonne angeleuchtet und man hat das Gefühl, im Märchen aufzuwachen. Auch der Rundgang auf der gigantischen Marmorplatte verschlägt uns die Sprache. Zwar werden die Touristenscharen mehr und mehr, jedoch kann das keinesfalls unsere Laune bremsen.

Im Anschluss dürfen wir live erleben, wie ein durchgeknallter Tuktuk-Fahrer uns wahrhaftig auf die Piste schickt: „Can I drive?“ – „Sure“ und los geht’s. Die motorradähnliche Schaltung stellt uns auf keine so harte Probe wie das Wuseln durch den chaotischen indischen Verkehr, in dem das Hupen die Straßenverkehrsordnung komplett ersetzt. Außer „man fährt irgendwie auf der linken Straßenseite“, gibt es keine Regeln, keine Verkehrsschilder und selten bis nie eine Ampel. Unser Fahrer ist auch sichtlich amüsiert von der Herangehensweise.

Wir versuchen nun verzweifelt, den Zug zu unserer nächsten Destination zu buchen, das ist jedoch nicht so einfach, wenn drei unterschiedliche Zugbeamte drei unterschiedliche Abfahrtszeiten nennen. Wir entscheiden uns fürs Taxi und sehen uns abends das Taj Mahal noch ein letztes Mal vom Roof-Top aus an.

3. April – 5. April: Sawai Madhopur & Tigersafari

Knapp 300km Taxifahrt sind in Indien so teuer wie bei uns Zugfahren. Nur, dass in Indien der Preis für alle zusammen gilt. Kein schlechter Deal also. Angekommen im Nationalpark Sawai Madhopur, kümmern wir uns gleich zu Beginn schon um das nächste Zugticket. Wir zahlen abstruse Preise am Obststand und warten etwa 10min aufs Wechselgeld, da wir mit einem 500er-Schein bezahlt haben. Meist wird in dem Fall irgendein Verwandter mit dem Schein losgeschickt, der es dann über 20 Ecken zu Kleingeld macht – es funktioniert aber immer und nie hat auch nur eine Rupie gefehlt.

Weiter geht’s zu unserem legendären „Hotel mit Pool“ und dem wohl durchgeknalltesten Hotelmanager Indiens. Der gute Mann ist so hilfsbereit, dass es schon fast unheimlich ist. Er bietet uns sogar an, den Abzocker-Agencys auszuweichen und direkt bei den Veranstaltern zu buchen. Allerdings muss jemand von uns mitkommen, und zwar morgens um 4:30 Uhr! Und da ich ihm angeblich zu sehr wie ein Bodybuilder aussehe (wtf?) muss Stephan mit, der ja von uns am meisten einem Inder ähnelt. „In sector 6 you will see tigers.“ – ist die Ansage. Wir werden sehen.

Am nächsten Morgen in früher Frische startet die Safari.

Es begrüßen uns ein „Guide“, ein „Fahrer“ und ein britisches Pärchen in unserem 6-Sitzer-Jeep. Auf geht’s in die Mitte des Nationalparks. „Tiger!“, wird dem „Guide“ schon bald von irgendwoher durchgefunkt und aus gemütlicher Schrittgeschwindigkeit wird eine Colin-McRae-Ralley mit Staubbeilage.

Und tatsächlich: Im Wald sehen wir einen Tiger.

Wir haben Glück, denn statistisch betrachtet sieht nur etwa jede sechste Safari eines dieser majestätischen Geschöpfe. Was dann geschieht, verschlägt mir die Sprache: Das Tier setzt sich in Bewegung und „die Wettfahrt zum Tiger“ beginnt. Im Delhi-Tuktuk-Style quetschen sich dutzende Jeeps mit dicken Amis und indischen Großfamilien durch die engen, staubigen Waldwege.

Wer den kürzesten Weg kennt, gewinnt, denn anscheinend laufen die Tiger immer in eine Richtung. Wir kommen dann zeitig am nächsten Beobachtungspunkt an und ich glaube, noch näher kann man einem Tiger nicht kommen.

Und damit nicht genug: Nach kurzer Amok-Fahrt zurück zu einem weiteren Aussichtspunkt, sehen wir den Rest der Tiger-Familie: Mama und die 2 Kids. Der Wahnsinn!

So spektakulär unsere Tiger-Sichtungen auch waren, so hätten wir uns von unserem „Guide“ doch etwas mehr Kompetenz erhofft. Immerhin konnte er die Tiere nach Art klassifizieren (Vogel, Affe, Antilope). Grandios. 

Stephan vergisst dann noch sein Handy im Jeep, aber unser Hotelmanager regelt. Mit quietschenden Reifen fährt er davon und kommt wenig später mit dem Handy zurück. Man fällt sich in die Arme.

Den restlichen Tag verbringen wir am Pool und werden nur noch durch die gelegentlich auftauchende „Müllfrau“ gestört, die den Unrat des Tages durch ein Loch in der Wand nach unten zu einem Bachlauf befördert. Dort kokelt es übrigens seit den Morgenstunden fröhlich vor sich hin. Nicht selten wird in Indien Müll auf offener Straße oder an den Bächen verbrannt.

Auch treffen wir beim Gang zum Abendessen auf eine neue Spezies: das gemeine Wildschwein. Die sind hier so normal wie Straßenhunde und Kühe, nur dass sie gerne auch mal Müll verspeisen. Wie man uns später berichtet, wurden Wildschweine wohl genau aus diesem Grund in vielen Städten eingeführt.

5. April – 7. April: Jaipur

Unser nächster Stop führt uns in die “Pinke Stadt“, Jaipur. Nach erneut unterhaltsamer Sardinen-Zugfahrt geht’s in unser Hotel, direkt hinter den historischen Stadtmauern. Wieder werden wir vom übereifrigen Hotelmanager persönlich begrüßt, der uns sogleich mit lustigen Selfie-Einlagen zu Tripadvisor-Rezensionen nötigt. Aber was tut man nicht alles für einen gratis Gin Tonic? 

Wir wohnen direkt an einer Bazar-Straße, wo wieder gefeilscht wird bis der Arzt kommt. Inder neigen dazu, ihre Ware stehts als „best quality“ und mit „you get the same nowhere else for the same price” anzupreisen. Und das hört man dann natürlich in jedem Geschäft! Kommt man dann ins Gespräch, wird eine gefinkelte Strategie angewandt: Zunächst wird nach dem Herkunftsland gefragt. Danach nach dem Hotel und wie lange man vorhat, in Indien zu bleiben. Das sind drei wertwolle Informationen, denn Leute aus der 5€-Absteige, wie wir, bekommen dann ganz andere Ware, Qualität und Preise genannt als die aus dem 5-Sterne-Hotel 😉

Letzte Option beim Feilschen ist, wenn man beim Angebotenen beleidigt von dannen zieht und hofft, dass der Verkäufer hinterherbrüllt „Stop: OK“. Hat er nach dem Verkauf noch ein Grinsen im Gesicht, hat man definitiv nicht hart genug verhandelt. Letztendlich geht es aber wirklich nur um wenige Cent-Beträge, so dass eigentlich nur der Spaß im Vordergrund steht. Oft haben wir nach dem Verhandlungsspaß – teilweise glich es einem Kabarett – dann doch noch Trinkgeld gegeben, tut uns ja nicht wirklich weh und für Inder sind auch kleinste Beträge viel mehr wert als man meinen würde.

Am nächsten Tag steht Sightseeing auf dem Programm. Wir sehen ein spannendes Observatorium mit der größten Sonnenuhr der Welt: 

…den Palast von Jaipur:

…und den Palast der Winde – ein sensationelles Gebäude, in dem der hiesige Maharaja seinen Harem vor Blicken versteckt und die Frauen dabei durch kleine Gucklöcher in den Wänden am Geschehen auf der Straße hat teilhaben lassen.

Es folgt ein kurzer Regenschauer, bei dem für einen kurzen Moment die Luft sauber zu werden scheint. Das Wasser verpufft auf den staubigen Straßen jedoch schneller als es kam.

Tag 3 in Jaipur: Wir haben wiedermal ein Tuktuk gemietet und wollen uns einen Affentempel sowie das berühmte Amer Fort ansehen. Zu ersterem sollten wir es schaffen, zu letzterem nicht.

 

Leider gefiel einem kleinen lausigen Affen der Popo von Antje so doll, dass er ein Stück davon abbeißen wollte. Also ab ins Krankenhaus zur vermutlich günstigsten Tetanus-Spritze der Welt. Ironischerweise befand sich die Einrichtung direkt neben einem Tempel von Hanuman, einem hinduistischen Gott in Gestalt eines, genau, Affen.

Er schaut uns an, als habe er auf uns gewartet. Also noch schnell eine kleine Opfergabe und weiter zum „Lassiwalla“, der wohl genialsten Lassibude Jaipurs.

Gefühlt 40 Inder brodeln in einer 2m² großen Bude einen Lassi vom Feinsten zusammen. Serviert in nachhaltigen Tonkrügen. Nachhaltig? -Denkste! Nach dem Verzehr werden diese in die Mülltonne gepfeffert, wo die Reste des köstlichen Getränks schallernd an der Wand, zusammen mit dem Tonkrug, zerbersten.

Ohne Christine – die zurück nach Deutschland fliegt – geht es bald weiter mit dem Bus nach Pushkar.

Lesen Sie in Teil 2:

  • Wie ein Hypnose-Priester uns um unsere letzten Rupien bescheißen will
  • Was ein Action-Bollywood-Film und ein Familienpicknick gemeinsam haben
  • Warum beim indischen Kochkurs auch Mäuse anwesend sind
  • Warum furzende Kamele die Lust auf Blumenkohl rauben

Nachtrag Stephan:

Meinem Lieblingsaffen, Oskar (aus der Mülltonne), dem in diesem Bericht mobbenderweise keinerlei Beachtung zu Teil wurde und der auch als Titelbild unverständlicherweise einstimmig abgelehnt wurde, wünsche ich:

Dass du bis an dein Lebensende halbleer getrunkene Tetrapaks im Mülleimer finden mögest…

2 Gedanken zu „Incredible India – Teil 1 – ein Gastbeitrag von Martin

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