Border-Crossing-Challenge #2

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Quer durch Guatemala ins Land der Käfer

„Was soll daran so schwer sein? Einfach geradeaus fahren, kurz dem Grenzbeamten zuwinken, wenn überhaupt einer anwesend ist, und schon hat sich der Länderwechsel.“, denkt sich der Europäer. Auf andern Kontinenten schaut’s mit dem Border-Crossing aber leider ganz und gar nicht so simpel aus. Das kann verschiedene Gründe haben: Manchmal ist die Infrastruktur für einen flotten Länderwechsel ganz einfach nicht vorhanden, dafür aber raffinierte bürokratische Schwachsinnsabläufe. Oft kann man das Nachbarland ganz und gar nicht ausstehen oder traut grundsätzlich keinem Ausländer über den Weg. Meistens liegt’s an einer Mischung von all dem. 

Wir schauen auf die Karte und suchen uns einen ganz besonders tollen Grenzübergang raus. Im Landesinneren von Guatemala nach Mexiko. Vamos!

Sicherheitshalber schonmal als waschechter Mexikaner verkleiden – macht’s vielleicht einfacher und los geht’s!

Aber wir sind ja nach unserem Höllenfeuererlebnis am Volcán de Fuego immer noch im wunderbaren Antigua und müssen erst mal vom Lava-Trip runterkommen.

Antigua wurde im Jahre 1543 von den Spaniern gegründet, nachdem das alte Antigua, etwas weiter südlich gelegen, zwei Jahre zuvor dem Erdboden gleichgemacht wurde. Schuld daran war ein dramatisches Naturereignis. Die Region um Antigua wird von mächtigen, mehr als 3700m hohen Vulkanen geprägt. Einer davon heißt Volcán de Agua (Wasservulkan). Der Name hat einen Grund: Als 1541 die Kraterwand dem Wasser des Kratersees nicht mehr standhalten konnte und zerbarst, wälzte sich eine gigantische Schlammlawine die Hänge des Vulkans hinab und verwüstete die Täler.

Seitdem verhält sich der Berg ruhig und gibt ein klasse Postkartenmotiv ab:

 

Im Bild oben sieht man den Volcán de Agua mit seiner typischen, allmorgendlichen Wolkenmütze.

Im Laufe der folgenden 200 Jahre entwickelte sich Antigua trotz vieler Erdbeben zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum Mittelamerikas bis im Jahre 1773 die Erde so richtig wackelte und kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Zwar wurde die Stadt danach größtenteils wieder aufgebaut, die Bedeutung ging allerdings durch die Verlegung der Hauptstadt ins heutige Guatemala-City verloren.

Bilder unten: Zeitzeuge – eingestürzte Kirche

Bilder unten: Aufnahmen vom Markt

Nach einem traditionellen Frühstück (Bild oben: Eierspeise, (Koch-) Bananen und Bohnenpüree) begann dann aber die

Schnitzeljagd nach Mexiko!

Waren es in Südamerika noch weitestgehend überraschend luxuriöse Reisebusse, um von A nach B zu gelangen, teilweise sogar mit Bordpersonal und Sicherheitsansagen wie im Flugzeug (ohne Witz), kommt man in Mittelamerika an den sogenannten Chicken-Busses nicht vorbei, denn es gibt kaum was anderes. Die oft bis hin zur absoluten Lächerlichkeit aufgemotzten, wie Weihnachtsbäume leuchtenden Chicken-Busses, alte Ami-Schulbusse, sind allgegenwärtig. Hier ein Beispielbild:

Was die Namensgebung angeht gibt es zwei Theorien: 

Die Legehennen-Theorie

In den Bussen geht es zu wie im Hühnerstall. Einem viel zu kleinen Hühnerstall wohlbemerkt. So klein, dass nur noch ausgeatmet, nicht aber eingeatmet werden kann. Kein Platz mehr in der Sitzreihe? Gibt’s nicht! Zack – sitzen gleich zwei weitere Personen irgendwie dazwischen! Der kleine Mann unten links im Bild hängt mit einer halben Arschbacke verkrampft auf der Sitzbank – der Rest von ihm hängt in dem Spalt zur zweiten. Alles immer noch besser als stehen, denn dann fliegt man im Bus umher wie die Murmel im Flipperautomaten.

Die Hühnertransport-Theorie:

Gegackere im Bus? Ganz normal! Denn die Busfahrt gleicht zeitweise einem Tiertransporter. Da raschelt die Einkaufstüte der Sitznachbarin und schon schaut der Hühnerkopf aus dem Sack:

Fakten zu den Chicken-Busses:

  • Jeder, wirklich JEDER der Busfahrer hat nicht mehr alle Latten am Zaun. Musik an, voll aufdrehen, Kaffeeinfusion legen und Bleifuß. Hier einer meiner Favoriten auf die Gestörtheitskrone. Der Geisterfahrer! Bild ist leider unscharf, weil ich im Bus hin- und hergeflogen bin:

  • Eine Reise, die ist lustig – eine Reise, die ist schön?? Vergiss es! Die Reise in diesen Bussen gleicht einer stundenlangen Fahrt auf der G-Force im Holiday-Park, nur dass man dort angeschnallt ist. Dafür ist der Chicken-Bus fast umsonst 😉
  • Achtung gefährliche Kurve?? „Mir doch egal“, sagt sich der Busfahrer, hupt wie gestört und setzt zum Überholmanöver an. Aus irgendeinem Grund, nennen wir es Schicksal, kam uns in diesen Momenten nie ein zweiter Chicken-Bus entgegen, sonst – Hühnerfrikassee.
  • Unglaublicherweise dauert die Fahrt, trotz Lichtgeschwindigkeit, IMMER (teilweise deutlich) länger als angegeben
  • Hinsetzen, Beine ausstrecken, anschnallen?? Nö! Reinquetschen, Beine absterben lassen, Gurt nicht existent!!
  • Chicken-Busse sind eine Kooperation aus Busrennfahrer und Menscheneintreiber. Heißt: Wann immer man an einer Gruppe von Passanten vorbeifährt, drückt der Fahrer ausnahmsweise kurz auf die Bremse, während der Eintreiber halb auf der Straße schleifend aus der Tür heraushängt bei dem Versuch Leute in den Bus zu schreien. Alles selbstverständlich bei voller Fahrt. Signalisiert ein Passant Interesse, springt der Schreihals aus dem Bus, lädt das Gepäck auf’s Dach und springt irgendwann, manchmal unbemerkt, wieder durch die Hintertür auf, obwohl der Bus schon längst wieder losgefahren ist.

Eine der „besten“ Chicken-Bus-Fahrten hatten wir bei unserem Versuch, damit zur Grenzstadt (Guatemala – Mexiko) La Mesia zu gelangen.

Wir gehen also zum Bus-Terminal (an Chaos kaum zu überbietender Platz voller Busse und Getümmel) in Xela und fragen uns durch, welcher Bus denn zur besagten Grenzstadt fahren würde. Rasch will man uns helfen (heißt übersetzt: Abzocken!). Ziel der aufdringlichen Buszuweiser ist es nämlich leider viel zu oft, nicht dem Reisenden dabei zu helfen, zum gewünschten Ziel zu gelangen, sondern einfach nur, den Bus vollzubekommen! Wurscht wohin dieser fährt!

Wir lassen uns nicht beirren und finden einen Bus, auf dessen Schild auch tatsächlich unter anderem La Mesia auftaucht. Der Kassierer bestätigt und nennt uns einen bis zur Grenze (5h Fahrt) angemessenen Preis.

Die Fahrt zieht sich wie Kaugummi. Lag unter anderem daran, dass unser Bus-Geisterfahrer seinen in die Jahre gekommenen Rumpelbus ein paarmal zu oft durch canyonartige Schlaglöcher gejagt hat, um die Ideallinie nicht verlassen zu müssen. Resultat: Plattfuß, weil Felge oval wie ein Ei im Längsquerschnitt.

Bild: Mittelamerikanische Werkstatt

Nachdem wütende, den Bus erschütternde Hiebe mit Thors Hammer (oben im Bild) ihren Zweck verfehlt hatten, kam der Werkstattgroßmeister mit der zündenden Idee. Aufgepasst! Man schütte eine nicht ganz ordnungsgemäße Überdosis Benzin in den Raum zwischen Reifen und Felge, lege eine Art Zündschnur aus Papier, zünde das äußere Ende an, gehe nur ausreichend weit zur Seite, dass man nicht zerfetzt wird und PEEENGG!! Felge in Form gesprengt! Fast wie neu! Reifen zu Felge passt wieder wie Arsch auf Eimer. Die Businsassen bleiben bei der Sprengung natürlich im Bus.

Vier Stunden nach Abfahrt kommen wir erst in Huehuetenango an, der Hälfte der Strecke. Erstaunlich viele Leute steigen aus. Sicherheitshalber fragen wir den Busschreier nochmals, ob die Endstation tatsächlich La Mesia heiße. „Si, si…“ stammelt er. Kurz nach der genervten Antwort saßen wir allein im Bus, während Gepäckstücke vom Busdach flogen. „Ich geh besser mal raus und schau mir das an“, sag ich zu Antje. „Nicht, dass einer unserer Rucksäcke den Besitzer wechselt…“. Kaum draußen, kommt mir schon mein großer Backpacker entgegengeflogen und landet im Gewusel des Marktplatzes neben anderem Reisegepäck. Um den Bus herum war so viel los, dass man kaum an seine Sachen herankam. Plötzlich kommt mir Antje entgegen, die von anderen Passagieren erfahren hat, dass der Bus hier Endstation habe! In diesem Moment fährt der Bus auch schon los durch die Menschenmassen des Marktplatzes – samt Antjes komplettem Reisegepäck auf dem Dach. Für eine Sekunde schau ich dem Bus blöd hinterher, dann renn ich los und hau mich quer durch das Getümmel durch bis zur offenen Fahrertür. Am Steuer sitzt der Busschreier und will offensichtlich mit unserem Gepäck und unserem Geld flüchten! Ich springe durch die Tür und schau ihn vermutlich so an, als wolle ich ihn gleich aus dem Bus schmeißen, denn es dauert keine Sekunde, da hält er mir unser zu viel bezahltes Geld entgegen.

Dem Bus hinterherlaufend und wild gestikulierend werden uns daraufhin noch unsere restlichen Gepäckstücke vom Dach zugeworfen.

Schwein gehabt! Hätte voll in die Hose gehen können! Das bisschen Ticketgeld wäre ja nicht so wichtig gewesen, aber Antje hätte ihr gesamtes Hab und Gut verloren!!!

Nach einer weiteren 3,5-stündigen Busfahrt brachte uns ein Tuktuk an die Grenzstation. Rein in’s Migrationsbüro, Ausreisestempel Guatemala abgeholt und zu Fuß über die Grenzlinie (Bild oben). Die Suche nach dem Migrationsbüro für den Einreisestempel in Mexico glich jener nach dem Passierschein A38 von Asterix und Obelix. Nach ewigem Hin- und Herfragen sollte sich herausstellen, dass wir uns im Niemandsland befanden und das Büro nur durch eine Taxifahrt erreichbar sei. Schafften wir dann aber auch noch und nach weiteren Stunden der Minibusfahrt (wer mitgezählt hat, wird feststellen, dass der Tag bereits 27 Stunden hatte) war es dann endlich soweit:

Wir waren in San Cristobal – im Land der Käfer!


Wir springen nun nach Indien, an den Rand des Himalaya. Dahin, wo His Holiness the Dalai Lama 1959 vor der Besatzung der Chinesen hinflüchten musste und ein neues zu Hause fand. Leider war bei ihm kein Zimmer mehr frei. Wir sind ihm aber nicht böse, denn auch alle anderen Unterkünfte hier in McLeod Ganj, mit fantastischer Fernsicht auf die indische Tiefebene, sind gemütlicher als da, wo wir herkamen – Delhi, der dreckigsten Stadt der Welt!

Trotz Megahitze (>40°C), Dauerlärm, Durchfall (dem ständigen Reisebegleiter in Indien) und einem Feinstaub, bei dem die Messgeräte in Stuttgart explodieren würden, hatten wir zusammen mit Christine und Martin eine sagenhafte Zeit quer durch Rajasthan – dem Land der Maharajas – bis in die Grenzwüste Thar bei Pakistan. Dazu wird bald ein Gastbeitrag folgen, den ich jetzt schon mit dem Literatur-Nobelpreis auszeichnen möchte. 😉

 

 

 

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