Ilha „Großartig“ Grande

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Costa Verde – Teil 1: Ilha Grande

Tag 4 – Aus dem (Großstadt-) Dschungel in den (grünen) Dschungel

Rio verabschiedete uns mit bestem Reisewetter: Kühl, windig, fast schon winterlich. Die überraschend pünktliche Abholung erfolgte tatsächlich direkt vor der Hosteltür in der Favela – da, wo sich normalerweise kein Taxi hintraut. Muss ein Draufgänger sein, der Fahrer, dachten wir – aber an der aggressiven Fahrweise erkennen wir kurz darauf, dass der Mann von hier stammen muss und in der Lage zu sein scheint, um enge Kurven herumzuschauen. Die 5 Tonnen (Schätzung) Gepäck in den Kofferraum des Wagens zu bekommen gleicht dem Endlevel bei Tetris. Dass sein Auto so viel Stauraum hergibt, belustigt jedenfalls sogar den Taxifahrer, der dann auch gleich ungläubig ein Handy-Foto vom Kofferraum macht – ein Bild für Götter! 

Heil in der Metro-Station angekommen, dem Abholort unseres Shuttleservices zur Ilha Grande, beginnt die Warterei. Nach einer halben Stunde hält ein großer Sprinter-Bus mit der Aufschrift „easytransfer“ vor unserer Nase. Wir steigen ohne zu fragen und ohne Tickets zeigen zu müssen ein. Nach 30 min stelle ich mittlerweile etwas beunruhigt fest, dass wir die ganze Zeit schon in die falsche Richtung fahren. Vorsichtig fragen wir unsere Mitreisenden, was denn eigentlich das Ziel dieser Reise sei. Mit bis unters Dach hochgezogener Augenbraue kommt Gott sei Dank als Antwort der Ort, den wir hören wollten… der Großraum Rio wurde bloß umfahren.

Nach 3,5 Stunden angenehmer Fahrt kommen wir am Hafen von Conceicao an.

Überfahrt im offenen Nussschalenkutter mit Captain Klees bei (Zitat Antje) -10 Grad, Sprühregen, Wind und rauher See. Trotzdem und vielleicht genau deswegen ein tolles Erlebnis!

 

 

 

 

1,5 Stunden später setzen wir unsere Füße auf die autofreie, dschungelbedeckte Pirateninsel. Ehemals, nachdem sich alle Piraten totgesoffen hatten, fungierte die Insel bis in die 90er-Jahre als Gefängnisinsel für Schwerverbrecher und Drogenbosse. Heute spielen Drogen nur noch eine grüne Rolle bei den Einheimischen. Die Insel verbreitet mit ihren zusammengenagelten Hostels, Strandbars und Fischerbötchen eine chillige Aussteigeratmosphäre – und mittendrin der Paulaner-Biergarten von Wahlbrasilianer Klaus (kein Scherz). 😀

Wir marschieren mit unsren 6 Tonnen Gepäck den Strand entlang und streifen durch’s verschlafene Hafendörfchen zu unserem Hostel „Overnatura Green Hostel“.

Karin und Babsi gönnen sich ein Edeldinner am Hafen – Stephan und Antje kratzen Kleingeld zusammen und gehen zum Supermarkt. ?

Eingekauft werden: Früchte, Reis, Zwiebel, Knoblauch, Karotten, Zucchini, Eier für’s Frühstück und zwei Feierabendbier. Die zwei Bier haben übrigens geholfen, diesen Beitrag zu verfassen 😉

Die Hostelküche ist der Ort, um Gleichgesinnte kennzulernen und sich auszutauschen.

Im Green Hostel war die Kochstelle draußen im Garten und gut besucht: Eine argentinische Familie und eine große, bunt gemischte Truppe aus Brasilianern, Kolumbianern, Franzosen, einer Spanierin, die in Tübingen ihr Erasmus-Semester gemacht hat, allesamt Mathematikwissenschaftler an der Uni in San Carlos, unweit von Sao Paulo.

Beim Kochen teilten wir uns anfangs nur die Kochplatten, unterhielten uns mit Händen, Füßen und gebrochenem Spanisch (gelernt mit der Babbel Spanisch App^^).

Nach einem Blick in den Nachbarskochtopf (Berge von Fleisch!!), haben wir den argentinischen Koch (im weiteren Verlauf Pedro genannt – tatsächlicher Name unbekannt) auf den enormen Fleischkonsum, den man seinen Landsleuten nachsagt, angesprochen. Der ließ uns wissen, dass im Notfall sogar die eigenen Kinder im Kochtopf landen und bot uns auch gleich seinen wohlgenährtesten Sohn an, lachte sich tot und warf uns einfach zwei große Stücke Fleisch in unsere Gemüsepfanne. 😀

Den Rest des Abends verbrachten wir mit den sympathischen Mathe-Freaks, allen voran Gabi aus Sao Paulo, und Pedros englischsprechendem Schwiegervater, die uns allesamt bestens unterhalten und mit wertvollen Tipps für unsere Weiterreise in Lateinamerika versorgt haben.

Die klatschenden Weltmeisterschaftsfinal- und Halbfinalniederlagen waren schnell vergessen! ?

Tag 5 – Ilha Grande – Pico de Papagaio

Am nächsten Morgen stehen wir spät auf (Babsi und Karin sind zu dem Zeitpunkt schon auf Erkundungstour) und treffen die Mathematik-Truppe beim Berechnen der unstetigen Krümmung ihres Frühstückseis (Scherz).
Irgendwie kamen wir mit Gabi auf den Pico de Papagaio, der markanten Felsspitze in Form eines Papageienschnabels, den wir schon von der Fähre aus bewundert haben, zu sprechen.

Laut LonelyPlanet: Nur mit Guide, anstrengend, vier Stunden Aufstieg durch den Dschungel.
Laut Gabi: Megageil!

Wir pfeifen auf LonelyPlanet, klatschen mit Gabi ab, kochen sechs Eier als Wegzehrung und brechen innerhalb von 15 Minuten auf. Dank umherirrender, aber hilfsbereiter junger Franzosen, die bereits vom anderen Ende der Insel wieder auf dem Rückweg waren, da sie den Einstieg in den Dschungel verpasst hatten, fanden wir eben diesen!

 

 

 

 

 

 

 

 

Ohne Machete und Antiseren gegen diverse Schlangengifte, dafür mit reichlich Eiern, schlugen wir uns mit dem Geschrei von Brüllaffen im Nacken durch Bambuswälder, Urwaldriesen, lianengesäumte Flussläufe und sonstiges Gestrüpp.

 

 

 

 

Der Weg war tatsächlich gut erkennbar und stellenweise markiert…mit hilfreichen Zusatzhinweisen auf deutsch: „Wir werden sterben…“ – ah jach…danke für die Info!

 

 

 

 

 

 

Wir hatten bereits ordentlich an Höhe gewonnen, als wir das erste Mal den massiven Granitmonolithen des Gipfels erblickten. „Wie sollen wir denn da rauf kommen, bitte?“. Die Frage beantworteten uns entgegenkommende Wanderer: „Ganz easy… zu Fuß“. Sahen nicht aus, als würden sie senkrechte Wände hochklettern, die Jungs… also weiter. Erst mal rum um den Felsbrocken, von hinten hoch…und BÄÄM – haut’s uns schier um… die Aussicht mein ich! Der Dschungel, die ganze Insel liegt dir zu Füßen 1000m über dem Meer – a Traum!

 

Sogar die markanten Berge rund um Rio de Janeiro sind zu erkennen. Ist das da vorne nicht der Fernsehturm von Stuttgart? Schön schaun sie jedenfalls aus, die Strände der Insel von oben.


Mittlerweile ist das Badewetter auch zurückgekehrt, aber heute wird das nix mehr mit baden. Wir waren zwar verdammt schnell oben, dunkel wird es trotzdem bald… das geht so schnell, wie wenn man das Licht ausknipst – so nahe am Äquator.

Obwohl wir sogar an die Kopflampen gedacht haben, rennen wir mit der Kraft von sechs Eiern und zwei Äpfeln den dämmernden Urwald hinunter.

 

 

 

 

 

 

Nach gerade einmal 1h45min stehen wir unten auf Meereshöhe und fallen ins Bett.
Fazit: Megageil – danke Gabi! 🙂

Tag 6 – Abreise Ilha Grande 

Kurzzusammenfassung:

  • Freilichtküchen-Frühstück

  • Hostel-Check out

  • Chillen am Strand mit obligatorischem Vitaminschock

  • Abfahrt und zurück mit der Fähre zum Festland nach Conceicao, wo bereits das Shuttle nach Paraty auf Karin, Babsi und uns wartet

Ciao Ilha Grande – viel zu kurz war unser Techtelmechtel! Hast ja auch erst mal rumzicken müssen mit  kaltem Schmuddelwetter – aber wir hatten dich trotzdem vom ersten Tag an in unser Herz geschlossen und würden uns freuen, dich wiederzusehen!

Dieser Blogeintrag is proudly supported by bestem Caipi vom Cocktailmix-Master-Michael…out of the middel of nowhere called „Pantanal“. Ein Wunder, dass wir von hier aus überhaupt „servus“ sagen können und uns heute kein Jaguar gefressen hat.

Tropische Moskitogrüße aus Porto Jofre

Antje & Stephan

 

8 Gedanken zu „Ilha „Großartig“ Grande

  1. Die Umsatzzahlen des Verlags, der euch mal die Rechte für diese einzigartigen Schmankerl von Weltreisegeschichten abkauft, werden ins Unermessliche steigen! Ich kauf schon mal die Aktien!!!

  2. Der Kommentar von viki trifft den Nagel auf den Kopf! !!!
    Sehr amüsanter Reisebericht mit fantastischen Bildern! !!!Weiter so!!!!

  3. Ach, da gäbe es noch so einiges zu ergänzen… Es fehlt die Leprastation, die äußerst sehenswert ist. Man sieht nämlich weder die ehemalige Station noch Lepra 😉
    Dann gäbe es diverse am Strand gerochene Alternativzigaretten – ja, die Insel ist nahezu polizeifrei.
    Weiters könnten Babsi und ich noch eine Polterrunde von Argentiniern anbieten, die ebenfalls sehr betrachtenswert waren, denn so ein Sessel ist äußerst instabil und kippt dauernd um.
    Außerdem den einen oder anderen Caipirinha.
    Und viele gesehene Cachoeiras im „anderen“ Dschungel – selbstverständlich ohne Caipi-Einfluss.

    In Summe eine coole Insel mit vielen „Unterhaltungs“-Optionen. 🙂

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